Der Gemeine Seehase gehört zu den außergewöhnlichsten Bewohnern unserer Küstengewässer. Trotz seines Namens ist er weder ein Hase noch ein Fisch, sondern eine Meeresschnecke. Mit seinen langen Fühlern, die wie Hasenohren aussehen, seinem weichen Körper und seiner Fähigkeit, violette Tinte auszustoßen, erinnert er fast an eine Mischung aus Schnecke und Tintenfisch. Hinter dem unscheinbaren Meerestier steckt also ein erstaunlicher Überlebenskünstler! Was es noch alles spannendes über ihn zu wissen gibt, erfährst du in dieser neuen Story!
Warum heißt der Seehase eigentlich „Seehase“?
Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt der Gemeine Seehase dem römischen Naturforscher Plinius. Ihn erinnerte die ruhende Haltung des Tieres an einen zusammengesunkenen Hasen. Außerdem besitzt die Schnecke zwei auffällige Sinnesorgane, sogenannte Rhinophoren, die wie lange Hasenohren aussehen.
Mit echten Hasen hat der Seehase jedoch nichts gemeinsam! Er gehört zur Gruppe der Schnecken und ist damit näher mit Muscheln oder sogar Tintenfischen verwandt als mit Säugetieren. Der wissenschaftliche Name des Gemeinen Seehasen lautet Aplysia punctata.
Meister der Tarnung
Der Gemeine Seehase kann ganz unterschiedlich aussehen. Junge Tiere sind oft rötlich oder rotbraun gefärbt, während ältere Exemplare eher olivgrün, braun oder fast schwarz erscheinen. Besonders spannend ist, dass die Farbe teilweise von ihrer Nahrung abhängt. Durch Farbstoffe aus den gefressenen Algen verändert sich ihr Aussehen im Laufe des Lebens.
Zusätzlich besitzen viele Tiere feine Punkte, Flecken oder Maserungen auf der Haut. Dadurch sind sie zwischen Algen und Tang oft kaum zu erkennen. Diese Tarnung schützt sie vor Fressfeinden wie Krebsen, Seesternen oder Anemonen.
Ein eingebautes Schutzschild
Anders als viele Landschnecken trägt der Seehase seine Schale nicht sichtbar auf dem Rücken. Im Laufe der Evolution wurde die Kalkschale immer kleiner und liegt heute versteckt im Körperinneren. Dort schützt sie wichtige Organe wie Herz und Eingeweidesack.
Besonders erstaunlich ist die Verteidigungsstrategie des Seehasen. Wird er angegriffen oder erschreckt, stößt er eine violette bis pinkfarbene Flüssigkeit aus. Diese erinnert stark an die Tinte eines Tintenfisches. Die Wolke soll Angreifer verwirren oder abschrecken, in manchen Fällen enthält sie sogar giftige Stoffe.
Die „Kuh“ des Meeresbodens
Seehase sind echte Pflanzenfresser und verbringen einen Großteil ihres Tages mit Fressen. Mit ihrer speziellen Raspelzunge, der sogenannten Radula, schaben sie Algen und Pflanzen von Felsen oder Tangblättern ab. Dabei arbeiten sie erstaunlich effizient, ein Seehase kann täglich etwa ein Drittel seines eigenen Körpergewichts fressen.
Junge Tiere bevorzugen eher weiche Rotalgen, während ältere Schnecken größere Braunalgen und Tang fressen. Dadurch konkurrieren Jungtiere und erwachsene Tiere weniger stark um Nahrung.
Weil sie große Mengen an Algen vertilgen, werden Seehasen manchmal auch als „Kühe des Meeresbodens“ bezeichnet.
Leben zwischen Tangwäldern und Gezeitenzonen
Der Gemeine Seehase lebt in küstennahen Flachwassergebieten des Atlantiks, der Nordsee und des Mittelmeers. In Deutschland kann man ihn beispielsweise an den felsigen Küsten von Helgoland entdecken.
Besonders wohl fühlt sich die Schnecke in Tangwäldern oder zwischen großen Makroalgen. Dort findet sie nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz vor Feinden. Die Tiere gleiten langsam mit ihrem muskulösen Fuß über den Meeresboden oder klettern auf Pflanzenblättern umher.
Ein außergewöhnliches Liebesleben
Der Gemeine Seehase ist ein sogenannter Hermaphrodit beziehungsweise Zwitter. Das bedeutet, dass jedes Tier sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane besitzt. Trotzdem können sich die Tiere nicht selbst befruchten und benötigen einen Partner.
Während der Paarungszeit finden sich die Tiere mithilfe ihrer „Hasenohren“ zusammen, mit denen sie chemische Stoffe im Wasser wahrnehmen können. Seehasen können sich sogar in langen Paarungsketten fortpflanzen, bei denen mehrere Tiere gleichzeitig beteiligt sind.
Nach der Befruchtung legt ein Tier lange gelblich-braune Laichschnüre mit bis zu 135.000 Eiern ab. Die Eier werden an Pflanzen oder anderen festen Untergründen befestigt. Nach einigen Tagen schlüpfen winzige Larven, die zunächst frei im Wasser treiben, bevor sie sich später am Boden niederlassen und zu kleinen Schnecken entwickeln.
Ein kurzes, aber intensives Leben
Obwohl der Gemeine Seehase viele erstaunliche Fähigkeiten besitzt, lebt er nur relativ kurz. Die meisten Tiere erreichen ein Alter von drei bis sieben Monaten, manche auch bis zu 16 Monate.
Häufig findet die Fortpflanzung erst gegen Ende ihres Lebens statt. Nach dem Laichen sterben viele Tiere. Wenn besonders viele Seehasen gleichzeitig auftreten und das Nahrungsangebot plötzlich knapp wird, kann es sogar zu Massensterben kommen. Dann werden zahlreiche tote Tiere an die Küsten gespült.






