KI und Naturschutz, Teil 2: GhostNetZero.AI

KI ist in allermunde. Spätestens die immer neuen Updates bei ChatGPT und anderen Large Language Models öffnen uns die Augen, wie rasant die Technologie wächst und einen Wandel mit sich bringt, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Im Rahmen dieser Reihe stellen wir uns die Frage, ob KI und Naturschutz ein Widerspruch sein müssen. Im letzten Beitrag ging es über den hohen Ressourcenverbrauch von Chatbots wie ChatGPT. Allerdings öffnet die Nutzung von KI auch völlig neue Türen. Heute wollen wir nun ein superspannendes Projekt des WWFs kennenlernen, das KI im Naturschutz gezielt zum Einsatz bringt und die neue Technologie gewinnbringend nutzt. Dazu waren wir mit Gabriele Dederer im Gespräch.

Zum Hintergrund

Meereslebewesen sind durch die Aktivitäten des Menschen maßgeblich bedroht. Die Vermüllung der Meere ist dabei ein vielfach genanntes Problem. Vielleicht denkt man hier zuerst an Mikroplastik. Doch beim Verschlucken von Kunststoff-Objekten als vermeintliche Nahrung hört die Gefahr noch nicht auf. Denn auch Geisternetze als besondere Art Plastikmüll sind eine tödliche Falle.

Damit werden herrenlose Fischernetze bezeichnet, die im Meer herumtreiben oder am Meeresboden liegen. Sie sind entweder beim Einsatz verloren gegangen oder wurden illegalerweise im Meer entsorgt. Obwohl niemand sie mehr nutzt, fangen sie weiterhin Fische, Schildkröten, Vögel und Meeressäuger, die sich in den Netzen verheddern und qualvoll ersticken oder verhungern. Weil Netze meist aus robusten Kunststofffasern wie Nylon bestehen, lauert die Gefahr für Meereslebewesen aller Art noch Jahre und Jahrzehnte später auf dem Meeresgrund. Geisternetze gehören damit zu den gefährlichsten Formen von Meeresmüll. Um diese Gefahr zu bannen, müssen Geisternetze dringend geborgen werden. Wie das folgende Interview zeigt, spielt KI hier eine ganz entscheidende Rolle.

Das Projekt GhostNetZero.AI

Gabriele Dederer bei einem Bergungs-Einsatz von Geisternetzen.
© Britta König, WWF. Gabriele Dederer bei einem Bergungs-Einsatz von Geisternetzen.

Gabriele Dederer arbeitet als Referentin für Geisternetze beim WWF Deutschland und ist darüber hinaus Expertin für den Einsatz von KI im Naturschutz. Sie hat GhostNetZero.AI mitinitiiert und die WWF Jugend freut sich, mit ihr über das hochspannende KI-Projekt ins Gespräch zu kommen.


WWF Jugend: Inwiefern unterscheidet sich das GhostNetZero-Projekt von den bisherigen Maßnahmen des WWFs gegen Geisternetze?

Gabriele Dederer: Der WWF konzentriert sich vor allem auf das Bergen von Geisternetzen und auf Präventionsarbeit mit Fischerei und Politik. GhostNetZero ergänzt diese Ansätze technologisch: Mit autonomen Unterwasserfahrzeugen, KI-gestützter Erkennung und digitalen Datensystemen können größere Meeresflächen systematisch kartiert und Geisternetze schneller lokalisiert werden.

Wie funktioniert prinzipiell GhostNetZero.AI und welche Rolle spielt insbesondere die KI dabei?

GhostNetZero.AI kombiniert autonome Unterwasserfahrzeuge, Kameras und Datenanalyse. Die Fahrzeuge kartieren große Meeresflächen und sammeln Bilddaten vom Meeresboden. Eine KI wertet diese Daten aus und erkennt automatisch Strukturen, die auf Geisternetze oder andere verlorene Fischereigeräte hinweisen. Dadurch können solche Gefahren schneller und auf deutlich größeren Flächen lokalisiert werden.

Inwiefern hat der Einsatz von KI die Detektion von Geisternetzen vereinfacht/verbessert?

Der Einsatz von KI kann die Suche nach Geisternetzen deutlich effizienter machen. Große Mengen an Unterwasserbildern lassen sich automatisch auswerten, sodass mögliche Netze schneller erkannt werden als bei einer rein manuellen Analyse. Dadurch können größere Meeresflächen systematisch untersucht und potenzielle Fundstellen gezielter identifiziert werden.

Sind durch den Einsatz von KI auch (unerwartete) Schwierigkeiten aufgetreten?

Bisher noch nicht. Aber es wird um die Verifikation gehen und dass eine KI sehr viele Datensätze zum Training braucht. Diese Datensätze sind schwer zu bekommen da es nur wenige Gruppen weltweit gibt, die Sonar zur Suche nach Geisternetzen nutzen. Hier brauchen wir mehr „echtes“ Material.

Mit Blick auf die Zukunft und auf die rasante Entwicklung der Technologie: Gibt es auch Potential zur Weiterentwicklung des Projekts?

Mit dem schnellen Fortschritt bei KI, Sensorik und autonomen Fahrzeugen besteht großes Weiterentwicklungspotenzial. In Zukunft könnten größere Meeresflächen automatisiert kartiert, Daten aus verschiedenen Quellen kombiniert und Geisternetze noch zuverlässiger erkannt werden. Langfristig könnten solche Systeme weltweit eingesetzt und von Behörden oder internationalen Organisationen genutzt werden.

Helen Hauck im Porträt

Helen Hauck

Artikel: 22