Die Geschichten hinter den Zahlen – „Die Klimamonologe“

Mitglieder des WWF Jugend Redaktions- und Aktionsteam wurden eingeladen, eine Vorstellung des Theaterstückes anzuschauen und im Anschluss beim Q&A von unserem Engagement zu erzählen. Es folgt ein Einblick in das, was der Abend in mir bewegt hat.

Wie fühlt es sich an, wenn Stürme dein bisheriges Leben zerrütteln?

Wie fühlt es sich an, wenn dein Zuhause plötzlich so trocken ist, dass jegliche Lebenskraft in der Hitze schmilzt?

Wie fühlt es sich an, wenn Überschwemmungen wie Meere deine Nachbarschaft mitreißen, und deine Hoffnung im Wasser davonfließt?

Wie fühlt es sich an, wenn du plötzlich von Flammen umgeben bist, wenn Feuer die einzige Landschaft ist, die du siehst und Rauch das ist, was zum Atmen bleibt?

Die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind keine zukünftigen Warnungen mehr. Millionen Menschen erleben sie am eigenen Leib. Doch Statistiken und Katastrophenmeldungen erschaffen eine Distanz zu dem, was tatsächlich passiert. Zahlen und Graphen mögen wachrütteln, und doch verschwimmen sie irgendwann zu einem „Viele und Furchtbar…“ und entlassen uns mit einem Gefühl der Überforderung zurück in den Alltag, in dem dann doch alles wie zuvor weiterzugehen scheint. Doch ich glaube, das was uns Menschen wirklich verbindet, sind die Fähigkeiten zu fühlen, Empathie zu empfinden, und daraufhin unser eigenes Wirken in der Welt zu reflektieren.

„Die Klimamonologe“ sind ein Theaterprojekt, das Zuschauer:innen dazu einlädt, die Geschichten hinter den Zahlen kennenzulernen. Der Autor und Regisseur Michael Ruf führte stunden- oder sogar tagelange Interviews mit Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt, welche die Auswirkungen der Klimakrise in ihrem eigenen Leben und Alltag spüren. Sie sind Schwierigkeiten ausgesetzt, denen sie teilweise durch Anpassung, Kreativität, und Solidarität begegnen können, und doch müssen sie sich existenziellen Fragen stellen, die ihre Biografien für immer verändern.

Wird es nächstes Jahr wieder genug Regen für unsere Landwirtschaft geben, oder müssen wir unsere Heimat verlassen, andere Wege finden, unsere Familie zu versorgen?, fragt sich Alice, eine 32-jährige Kuhhirtin in Kenia. Wo können wir hin, da es selbst hier, in dem Teil des Landes, in dem es noch nie Überschwemmungen hab, plötzlich eine Flut kam, die unsere Häuser wie Bausteine umgeworfen hat?, macht sich Talha Sorgen, ein 25-jähriger Student in Pakistan. Wie kann ich mit dem Erlebnis von Feuer überall um mich und die Patientinnen herum weiterleben?, kreist es in Emilys Kopf, die als Krankenschwester in den USA bei der Evakuierung aller Patienten der bisher größten Herausforderung ihres Lebens gegenüberstand. Wie oft kann man ein Haus wieder aufbauen, bevor es kein Zuhause mehr ist?, versucht Wajiha herauszufinden, deren küstennahes Heim in Bangladesch wieder und wieder von unregelmäßigen Fluten weggeschwemmt wird.

Das dokumentarische Theater erfindet nichts dazu und erhält die Sprechweisen der interviewten Personen bei. Egal welche:r der vier Protagonist:innen erzählte, es war, als lauschte ich einer guten Freundin, die ihre innersten Schwierigkeiten mit mir teilt. Ich erfuhr von ihrer Kindheit und davon, wie sie sich als junge Erwachsene ihr Leben aufgebaut hat, genau wie ich und andere in meinem Freundeskreis. Ich lernte Mitglieder ihrer Familie kennen, verstand ihre Leidenschaft hinter dem Studium, dem Reisanbau, dem Job als Krankenschwester, der Betreuung der kleinen Kuhherde. Ich fand mich wieder in den normalen täglichen Auf und Abs, trotz teils verschiedener Lebensstile. Doch das änderte sich, als die extremen Schwierigkeiten begannen: Die nicht endenden Dürre, Alice und alle in der Nachbarschaft warten auf den Regen. Plötzlich tagelange Wasserfälle aus den Wolken. Eine Landschaft aus Feuer und ein Himmel aus Rauch, aus dem Emily Orientierung zu finden versucht. Talhas Heimatdorf umgeworfen von reißenden Wassermassen. Überschwemmungen, in denen Wajiha nur manche Familienmitglieder wiederfindet. Ich kann diese Szenarien nicht als Erinnerung an mein eigenes Leben nachfühlen, doch ich habe klare Bilder im Kopf und Schwere im Herzen. Es fühlt sich an, als betrachtete ich einen Film mit den Freund:innen in der Heldenrolle. Ich ertappe mich, ein Happy End zu erwarten und stelle fest, dass ich nicht der gewohnten Gewissheit vertrauen kann, dass dieses kommen wird. Als Alice, Talha, Emily und Wajiha zu Ende erzählt haben, holen wir im Publikum die Schauspieler:innen und uns gegenseitig durch Applaus zurück in den jetzigen Moment, Samstagabend in Berlin Neukölln. Trotzdem wirken die Erlebnisse noch in uns nach, der Raum ist erstmal still, als der Applaus verklungen ist.

Im Publikumsgespräch geben Christian von German Zero und ich von der WWF Jugend Einblick in unser Mitwirken in unseren Organisationen. Wir sprechen über Aktivismus und Hoffnung, über Kreativität und Aktionen, die wirklich etwas bewirkt haben. Abgesehen von Verantwortung geht es in unseren Erzählungen auch viel um unsere eigene tägliche Entscheidung, wie wir die Welt mitgestalten, denn dass alle in verschiedenen Weisen daran mitwirken, ist für uns klar. Einige Fragen kommen auf im Raum, und mehrere Zuhörer:innen teilen ihre Gedanken dazu. Auch nach dem offiziellen Abschluss der Veranstaltung werden Gespräche fortgeführt, Sorgen und Zuversicht hin und hergeschoben, gemildert, gestärkt. Ein Saal voll Menschen, die fühlen, die verändern wollen, die manchmal verzweifelt sind, die weiterkämpfen. Ein Saal voll Menschen, die in ihrem eigenen Umfeld täglich etwas bewirken und zusammengekommen sind, um mehr zu verstehen und sich gegenseitig Optimismus und Mut schenken. Danke, dass ich dabei sein durfte.

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Mareike

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