Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, beginnt für viele Vögel eine lange Reise. Millionen Zugvögel verlassen ihre Brutgebiete im Norden und Osten Europas und machen sich auf den Weg in wärmere Regionen. Besonders im Oktober ist über Deutschland einiges los und der herbstliche Vogelzug erreicht jetzt seinen Höhepunkt. Wer aufmerksam in den Himmel schaut, kann große Vogelschwärme entdecken oder sogar das typische Trompeten von Kranichen hören!
Warum ziehen Vögel im Herbst?
Für viele Vögel wird es im Herbst Zeit aufzubrechen, weil ihre Nahrung knapp wird. Wenn die Temperaturen sinken und immer weniger Insekten unterwegs sind, finden beispielsweise Schwalben, Mauersegler oder Nachtigallen bei uns nicht mehr genug Nahrung. Sie ziehen deshalb in wärmere Regionen, teilweise sogar bis nach Afrika südlich der Sahara.
Wann genau ein Vogel losfliegt, wird unter anderem durch seine innere Uhr bestimmt. Auch ein angeborener Orientierungssinn hilft vielen Arten dabei, ihre Zugroute zu finden. Manche Vögel lernen wichtige Rastplätze und die Route dagegen von ihren Eltern. Gänse gehören beispielsweise zu den Arten, bei denen junge Vögel ihre erste Zugroute gemeinsam mit erfahrenen Tieren kennenlernen.
Nicht alle Zugvögel legen dabei gleich weite Strecken zurück. Langstreckenzieher fliegen beispielsweise bis nach Afrika, während Kurzstreckenzieher häufig im Mittelmeerraum oder in Westeuropa überwintern.
Warum ist gerade im Oktober so viel los?
Der Herbstzug beginnt bereits im Sommer und zieht sich bis in den November. Besonders intensiv ist er im September und Oktober, auch im Wattenmeer erreichen die Rastbestände in dieser Zeit besonders hohe Zahlen.
Das liegt daran, dass das Wattenmeer für viele Zugvögel ein wichtiger Zwischenstopp ist. Hier können sie sich ausruhen und vor ihrem Weiterflug noch einmal richtig satt fressen. Besonders Watvögel nutzen die nährstoffreichen Wattflächen, um Energie für ihre lange Reise zu tanken.
Aber nicht nur Watvögel sind jetzt unterwegs! Auch Gänse, Enten, Möwen, Seeschwalben, Greifvögel und zahlreiche Singvögel ziehen im Herbst durch Deutschland.

Welche Vögel kannst du im Oktober beobachten?
Kraniche
Der Kranich gehört wohl zu den beeindruckendsten Zugvögeln im Herbst. Ab Ende Oktober sind seine großen Zugverbände besonders auffällig. Mit ihren langen Beinen und den weit ausgebreiteten Flügeln ziehen die Vögel häufig in V-Formation über den Himmel.
Noch besser lassen sie sich an ihren Rastplätzen beobachten. Dort sammeln sich teilweise Tausende Tiere. Am Abend kehren die Kraniche von ihren Futterplätzen zu ihren Schlafplätzen zurück, begleitet von ihren lauten, trompetenden Rufen.
Die WWF Jugend hat bereits einige spannende Artikel über Kraniche geschrieben! Erfahre mehr spannende Fakten rund um den Kranich und lerne mehr über den magischen Zug der Kraniche.
Gänse
Auch für Gänse ist der Herbst eine wichtige Reisezeit. Im Wattenmeer kommen beispielsweise Ringelgänse, Weißwangengänse und andere Gänsearten an, um dort den Winter zu verbringen. Andere Arten ziehen weiter nach Süden.
Besonders eindrucksvoll ist der abendliche Einflug. Tausende Gänse fliegen von ihren Futterplätzen zu geschützten Gewässern, an denen sie die Nacht verbringen.
Stare
Wer im Oktober einen großen schwarzen Schwarm am Himmel entdeckt, hat vielleicht Stare vor sich. Nach der Brutzeit schließen sie sich zu großen Gruppen zusammen, die teilweise aus mehr als 1.000 Vögeln bestehen.
Dabei entstehen die berühmten synchronen Flugformationen. Die einzelnen Vögel reagieren auf ihre Nachbarn und verändern gemeinsam ihre Flugrichtung, so entsteht die scheinbar perfekt koordinierte „Vogelwolke“.
Am Abend sammeln sich die Stare an ihren Schlafplätzen, beispielsweise in Schilf, Hecken oder Bäumen.
Kiebitze
Auch Kiebitze ziehen im Herbst durch Deutschland. Auf geeigneten Rastplätzen können sie sich in größeren Gruppen sammeln und neue Energie für den Weiterflug tanken. Ihre Reise in die Überwinterungsgebiete kann sich bis in den Dezember ziehen.
Greifvögel
Auch Greifvögel nutzen den Herbst für ihre Reise. Mäusebussarde, Rotmilane, Sperber und Falken können jetzt unterwegs sein. Anders als viele Singvögel ziehen Greifvögel überwiegend am Tag. Dabei nutzen sie die Thermik. Wenn sich die Luft erwärmt, entstehen aufsteigende Luftströme, in denen die Vögel ohne viele Flügelschläge Höhe gewinnen können. Anschließend lassen sie sich weite Strecken tragen.
Ziehen Vögel eigentlich nachts?
Ja, und zwar erstaunlich viele! Vor allem zahlreiche Singvögel sind Nachtzieher. Sie starten häufig in der Abenddämmerung und fliegen während der Nacht weiter. Dabei können sie mehrere hundert Meter über dem Boden unterwegs sein und sind für uns deshalb meistens unsichtbar.
Bei klarem Himmel können sich manche Arten am Sternenhimmel orientieren. Außerdem hat der nächtliche Flug Vorteile, denn es ist kühler, und die Vögel sind weniger der Gefahr durch tagaktive Greifvögel ausgesetzt.

Warum ist das Wattenmeer für Zugvögel so wichtig?
Für viele Vögel ist das Wattenmeer ein unverzichtbarer Rastplatz auf ihrer Reise. Die Wattflächen sind besonders reich an Nahrung. Würmer, Muscheln, Schnecken und andere kleine Tiere bieten den Vögeln die Energie, die sie für ihren Weiterflug benötigen.
Dabei spielt auch die Tide eine wichtige Rolle. Bei Niedrigwasser verteilen sich die Watvögel weit über das Watt. Bei Hochwasser ziehen sie sich dagegen auf höher gelegene Bereiche wie Salzwiesen und Strände zurück, dort lassen sie sich oft besonders gut beobachten.
Das Wattenmeer ist damit nicht nur Lebensraum für die Vögel, die hier brüten oder überwintern, sondern auch eine wichtige Tankstelle auf einer internationalen Vogelreise.
Was hat das Wetter mit dem Vogelzug zu tun?
Wann und wie intensiv Vögel ziehen, hängt auch vom Wetter ab. Viele Arten bevorzugen klares Wetter und Rückenwind. Im Herbst sind Winde aus nordöstlicher Richtung besonders günstig, weil viele Vögel in Richtung Südwesten unterwegs sind.
Regen, Nebel, starker Gegenwind oder Sturm können den Vogelzug dagegen ausbremsen. Nach einem Wetterumschwung kann plötzlich besonders viel Bewegung am Himmel zu beobachten sein.
Warum ist der Vogelzug gefährlich?
Eine Reise über Tausende Kilometer ist für Vögel nicht ungefährlich. Unterwegs müssen sie ausreichend Nahrung und geeignete Rastplätze finden. Doch genau diese Orte werden immer knapper.
Feuchtgebiete werden trockengelegt, Lebensräume gehen verloren und geeignete Rast- und Brutplätze verschwinden. Auch die Klimakrise verändert die Bedingungen entlang der Zugrouten. Bei einigen Arten verschieben sich dadurch Zugzeiten und Überwinterungsgebiete.
Auch während des Zuges selbst lauern Gefahren. Vögel können beispielsweise durch schlechte Wetterbedingungen geschwächt werden oder auf ihrer Reise auf menschliche Gefahren stoßen.
Deshalb ist es wichtig, Brutgebiete, Rastplätze und Überwinterungsgebiete entlang der gesamten Zugroute zu schützen. Der Schutz von Zugvögeln funktioniert nur, wenn ihre Lebensräume über Ländergrenzen hinweg erhalten bleiben.
Wie kannst du den Vogelzug selbst beobachten?
Für Vogelbeobachtung brauchst du nicht unbedingt weit zu reisen. Auch im Binnenland kannst du im Oktober viele Zugvögel entdecken!
- Schau nach oben, denn große Schwärme von Gänsen, Kranichen, Tauben oder Staren sind oft schon mit bloßem Auge zu erkennen.
- Beobachte offene Landschaften, vor allem abgeerntete Felder, Feuchtwiesen und Gewässer sind beliebte Rastplätze.
- Besuche Gewässer, hier kannst du Enten, Gänse, Kormorane und verschiedene Watvögel beobachten.
- Nutze die frühen Morgen- oder Abendstunden! Viele Zugbewegungen lassen sich dann besonders gut beobachten. Abends lohnt sich vor allem der Blick auf einfliegende Gänse oder Stare.
- Achte auf das Wetter. Nach einem Wetterumschwung kann besonders viel Zugaktivität zu beobachten sein.
Und vielleicht entdeckst du dabei einen Vogel, der eigentlich ganz unscheinbar wirkt, gerade eine Reise von mehreren tausend Kilometern hinter sich hat.

Ein unsichtbares Naturschauspiel
Der Vogelzug im Oktober ist eines der größten Naturschauspiele, die jedes Jahr vor unserer Haustür stattfinden. Millionen Vögel sind unterwegs, manche gut sichtbar in riesigen Schwärmen, andere völlig unbemerkt hoch über unseren Köpfen in der Nacht.
Das nächste Mal, wenn du im Oktober Gänse rufen hörst oder einen Schwarm Stare am Himmel siehst, lohnt sich deshalb ein genauerer Blick. Vielleicht beobachtest du gerade einen kleinen Teil einer Reise, die einen Vogel über Kontinente hinweg führt!
Quellen
- NABU – Welche Arten sehe ich?
- LBV – Großes Herbstspektakel in vollem Gang: Millionen Zugvögel fliegen jetzt über Bayern
- Nationalpark Wattenmeer – Wann sind die Vögel im Wattenmeer?
- Birdingtours – Vogelbeobachtung im Herbst
- NABU – Beobachtungstipps zum Vogelzug im Herbst
- Vogelguckerin – Vogelbeobachtung im Oktober
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