Wir waren mit einem Boot auf der wunderschönen unteren Havel unterwegs und konnten hier (trotz des Regenwetters) etwas Großartiges bestaunen: Das Renaturierungsprojekt des NABU an der unteren Havel gehört zu den größten Flussprojekten Europas. Das Ziel des Projektes ist es, den Fluss, der jahrzehntelang vom Menschen verändert wurde, wieder in einen natürlicheren Zustand zu bringen und somit den Lebensraum vieler verschiedener Pflanzen und Tiere und ein ganzes Ökosystem wieder zu stabilisieren und zu schützen.

Wir haben an einer Bootstour teilgenommen, welche vom NABU durchgeführt und von Rocco Buchta, dem Projektleiter, begleitet wurde. Er ist NABU-Flussexperte und hat uns nach der Tour in einem Interview auch noch mehr zum Renaturierungsprojekt, den Fortschritten und auch der Bürokratie hinter dem Naturschutz erzählt.
Das ganze Projekt basiert darauf, dass Rocco an der Havel aufgewachsen ist und schon als Kind von seinem Großvater viele Geschichten über die wunderschöne Natur, die es dort früher gab, gehört hat. In seiner Kindheit war der Fluss ausgebaut, um als Versorgungskanal für Westberlin zu dienen und wurde von großen Schiffen fast durchgängig befahren. Als sein Großvater eines Tages deswegen dort nicht mehr angeln wollte, sagte der kleine 10-jährige: „Opa, wenn ich mal groß bin, dann bringe ich das in Ordnung“. Und daran hielt er sich. Schon im Jugendalter engagierte er sich im Naturschutz und arbeitet sich bis zum eigenen Projekt nach oben.
Seit dem Start der Havel-Renaturierung 2010 hat sich schon viel getan. „Es sind sehr viele Altarme angeschlossen worden“, erklärt Rocco im Interview. Altarme sind alte Flussabschnitte, die vom Hauptfluss getrennt wurden, weil beispielsweise Begradigungen gebaut wurden. Diese werden jetzt wieder mit dem Fluss verbunden. Damit wird das ursprüngliche verzweigte Flussbett der Havel wieder hergestellt. Genau das macht Flüsse natürlicher und sorgt dafür, dass sich hier wieder viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten ansiedeln können.
Außerdem wurden schon viele Deiche zurückgebaut, sodass das Wasser wieder auf die umliegenden Wiesen fließen kann. Diese sogenannten Überflutungsflächen sind wichtig, weil sie Hochwasser abfedern können und gleichzeitig Lebensräume für Tiere schaffen. „Wir haben mittlerweile 1.300 Hektar Überflutungsflächen zurückgeholt“, erzählt Rocco. Das ist eine riesige Fläche die größer als 1.800 Fußballfelder ist.

Auch der sogenannte Auenwald entsteht durch das Projekt neu. Auenwälder sind Wälder, die regelmäßig überflutet werden und damit extrem wichtige und einzigartige Ökosysteme darstellen. Laut Rocco soll dieser Wald bis 2034 wieder komplett da sein. Anfänge konnten wir bei unserer Bootstour im Regen auch schon bestaunen: Die Bäume, die aus dem Wasser ragten, waren ein wirklich spektakulärer Anblick, besonders, da es sich darin auch Seeadler bequem gemacht hatten.

Obwohl schon so viel passiert ist, sieht man die Veränderungen von außen mit untrainiertem Auge kaum: „Man muss sich vorstellen, dass sich die Landschaft äußerlich nicht fundamental verändert hat, aber das System selbst funktioniert jetzt wieder.“ Und genau das bedeutet auch Renaturierung: die Natur wird nicht „neu gebaut“, sondern bekommt die Chance, sich selbst zu regenerieren.
Wir haben auch über das Behind the Scenes des Projektes und über das Thema der langwierigen Bürokratie gesprochen. Zum einen sieht Rocco es kritisch, dass grundsätzlich besonders Naturschutzprojekte sehr oft in langen und komplizierten bürokratischen Verfahren beweisen müssen, dass sie der Natur nicht schädigen. Das klingt erstmal sehr ironisch und widersprüchlich, ist aber leider die Norm. Die Naturschützer, denen das bewiesen werden muss, haben dabei wenig Mitspracherecht und wollen auch eigentlich nie die Projekte behindern. Aber das Rechtssystem macht den Prozess momentan noch notwendig.
Öffentliche Klagen hingegen, die sonst auch oft Projekte verzögern und erschweren, behindern sein Projekt allerdings nicht. Ein zentraler Punkt ist dabei die Zusammenarbeit mit der Region, in der das Naturschutzprojekt abläuft. Wenn Projekte gemeinsam mit den Menschen vor ort besprochen und geplant werden, gibt es weniger Konflikte. „Unsere Genehmigungsverfahren laufen quasi ohne Einwendungen“, sagt er.
Das Wichtigste für ihn ist also die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort und das gemeinsame Schützen und Erhalten unserer Natur. Dies richtet sich auch an junge Menschen: „Man braucht immer Leute vor Ort, die ein Herz für die Sache haben.“ Naturschutz ist für Rocco nicht nur Wissenschaft und Politik, sondern vor allem auch Leidenschaft. Er beschreibt den Naturschutz als „romantisches Anliegen“, welches ihn seit seiner Kindheit begleitet. Von seinem Versprechen an seinen Opa bis zum Leiter eines der größten Renaturierungsprojekte an seinem Heimatfluss. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft: Große Veränderungen beginnen oft mit einer einfachen Idee und der Motivation und Standhaftigkeit, sie umzusetzen.






