Warum brauchen wir eine neue Tugendethik?
In den letzten Artikeln haben wir gesehen, wie Aristoteles die Tugend ins Zentrum des guten Lebens stellte: Wer mit Vernunft handelt, die Mitte zwischen den Extremen findet und sich im Guten übt, wird tugendhaft und damit glücklich. Aber so überzeugend diese Ethik auf den ersten Blick wirkt: Auch sie hatte blinde Flecken.
Denn Aristoteles dachte für eine bestimmte Gruppe: gebildete Männer mit politischer Teilhabe. Wer arm war, versklavt, weiblich oder nicht griechisch, kam in seiner Theorie kaum vor. Tugend war etwas für freie Bürger. Nicht für alle. Nicht für jede Lebensrealität.
Heute leben wir in einer anderen Welt: vielfältig, globalisiert, tief gespalten zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, Inklusion und Ausgrenzung. Es gibt nicht mehr die eine Vorstellung vom guten Leben. Unterschiedliche Kulturen, Lebensentwürfe und Biografien treffen aufeinander, oft auch konflikthaft.
Genau deshalb stellt sich die Frage neu: Wie kann eine Ethik heute noch Orientierung geben ohne zu bevormunden? Wie kann sie persönlich sein, aber nicht individualistisch? Politisch, aber nicht ideologisch?
Die Antwort vieler moderner Philosophen lautet: Wir brauchen eine neue Tugendethik.
Eine, die nicht am alten Griechenland klebt, sondern unsere Zeit ernst nimmt. Eine Ethik, die nicht bei Regeln oder Konsequenzen stehen bleibt, sondern fragt: Was für ein Mensch will ich sein und was braucht eine Gesellschaft, damit alle ihr Leben in Würde führen können? Im nächsten Abschnitt schauen wir auf die Philosophin, die diese Bewegung ins Rollen gebracht hat.
G. E. M. Anscombe – Das Comeback der Tugend
Die moderne Rückkehr zur Tugend begann mit einem Paukenschlag, genauer gesagt: mit einem Aufsatz. Die britische Philosophin Gertrude Elizabeth Margaret Anscombe (1919–2001) veröffentlichte 1958 ihren berühmten Text Modern Moral Philosophy und stellte darin eine provokante Frage: Wie kann man von „Pflicht“ oder „Verboten“ sprechen, wenn es keinen Gott mehr gibt, der sie vorgibt?
Für Anscombe war klar: In einer modernen, säkularen Welt sind viele Begriffe der alten Moralphilosophie hohl geworden. Wenn man nicht mehr an einen göttlichen Gesetzgeber glaubt, machen viele moralische Regeln keinen richtigen Sinn mehr. Sie wirken leer, wie Wörter ohne Inhalt.
Ihre Antwort?
Wir brauchen keine neuen Regeln, sondern eine neue Richtung. Sie sagt: Statt dauernd zu fragen „Was soll ich tun?“, sollten wir lieber fragen: „Was für ein Mensch will ich sein?“ Das erinnert an Aristoteles, aber Anscombe holt diese Idee in die Gegenwart. Mit ihr beginnt die moderne Rückkehr zur Tugendethik. Sie öffnet die Tür für eine neue Sichtweise: Moral soll nicht nur in Gesetzen stehen, sondern im Menschen selbst. Im Charakter. Im Leben.
Rosalind Hursthouse – Was würde ein tugendhafter Mensch tun?
Wenn du vor einer echten Entscheidung stehst, nicht auf dem Papier sondern im Leben, dann helfen dir keine Tabellen und keine Paragraphen. Rosalind Hursthouse (1943) sagt: Moral beginnt dort, wo der Charakter entscheidet. Nicht: Was ist verboten? Nicht: Was bringt den größten Nutzen? Sondern: Was würde ein tugendhafter Mensch in genau dieser Situation tun?
Außerdem betont sie:
👉 Moral entsteht dort, wo Gefühle, Gewohnheiten und Haltungen zusammenkommen.
👉 Tugend zeigt sich im Leben, nicht auf dem Papier.
👉 Und vor allem: Moralisches Handeln ist nicht abstrakt, es ist konkret, eingebettet und persönlich.
Hursthouse bringt damit etwas zurück, das viele Ethiken verloren haben: Beziehungen. Emotionen. Alltagsnähe. Sie sagt: Du kannst nicht immer alles berechnen. Aber du kannst dich fragen: Bin ich gerecht? Bin ich ehrlich? Bin ich mitfühlend?
Und wenn du das ehrlich beantworten kannst, dann weißt du oft schon, was richtig ist. Das macht ihre Ethik so stark: Sie ist nicht kalt, sondern menschlich. Nicht perfekt, sondern lebensnah. Und sie funktioniert nicht nur in der Theorie, sondern auch im echten Leben, da wo Moral halt wirklich zählt.
Was ist eine Tugend heute?
Tugend, das klingt erstmal nach alten Listen: Tapferkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit. Aber moderne Tugendethik denkt anders. Rosalind Hursthouse sagt: Tugenden sind nichts Starres. Sie sind das, was Menschen hilft, gut zu leben.
Was heißt das konkret?
👉 Tugenden orientieren sich an unseren Grundbedürfnissen. Sie sollen uns nicht klein machen, sondern unterstützen: beim Zusammenleben, beim Entscheiden, beim Wachsen.
👉 Ehrlichkeit, Empathie und Fürsorge das sind Beispiele für Tugenden, die in unserer Zeit zählen. Sie stärken Beziehungen, schaffen Vertrauen, machen Gemeinschaft möglich.
👉 Und wichtig: Es geht nicht nur um Leistung oder Selbstoptimierung. Tugend zeigt sich gerade auch im Umgang mit anderen Menschen so in Freundschaft, Familie, Gesellschaft.
Kurz gesagt: Tugend heute heißt nicht, perfekt zu sein. Sondern aufrichtig, aufmerksam und menschlich gegenüber anderen.
Fähigkeiten statt Verbote
Martha Nussbaum (1947) denkt Ethik radikal neu: Sie fragt nicht, was verboten ist. Sondern: Was braucht ein Mensch, um ein würdevolles Leben führen zu können?
Das ist der Kern ihres berühmten „Capabilities Approach“ auf Deutsch: Fähigkeitenansatz. Dahinter steckt eine einfache, aber kraftvolle Idee: Jeder Mensch soll die echten Chancen haben, sein Leben sinnvoll und selbstbestimmt zu gestalten.
Nussbaum nennt zehn zentrale Fähigkeiten, die dafür notwendig sind:
- 👉 Leben Die Möglichkeit, ein volles Leben zu führen, nicht früh sterben zu müssen.
- 👉 Körperliche Gesundheit Zugang zu guter Ernährung, medizinischer Versorgung und angemessener Unterkunft.
- 👉 Körperliche Unversehrtheit Sicherheit vor Gewalt; Freiheit, sich frei zu bewegen.
- 👉 Sinne, Vorstellungskraft, Denken Bildung, kultureller Ausdruck, Zugang zu Informationen, also geistige Entfaltung.
- 👉 Emotionen Fähigkeit zu lieben, zu trauern, zu fühlen und in Beziehungen leben können.
- 👉 Praktische Vernunft Selbst Entscheidungen treffen können, sich ein Bild vom Guten machen.
- 👉 Zugehörigkeit und soziale Beziehungen Mit anderen leben können, Respekt erfahren, nicht diskriminiert werden.
- 👉 Bezug zur Natur und anderen Lebewesen Die Möglichkeit, mit Tieren, Pflanzen und der Umwelt verbunden zu sein.
- 👉 Spiel und Erholung Freizeit, Kreativität, Sport, Spiel nicht nur arbeiten müssen.
- 👉 Politische und materielle Teilhabe Mitentscheiden können in Politik und Gesellschaft; wirtschaftliche Sicherheit
Was das mit der Tugendethik zu tun hat?
Sehr viel. Denn Nussbaum verbindet das Nachdenken über Charakter mit dem Einsatz für globale Gerechtigkeit. Für sie geht es nicht nur um individuelles Gutsein, sondern darum gesellschaftliche Strukturen so zu gestalten, dass ein gutes Leben überhaupt möglich wird.
Zum Beispiel: Eine Person will nachhaltig leben und fährt Fahrrad, kauft regional, vermeidet Plastik. Doch ihre Stadt hat kaum Radwege, überall Einwegverpackungen und kaum bezahlbare Bio-Läden. Nussbaum würde sagen: Tugend allein reicht nicht. Wer umweltbewusst leben will, braucht auch Strukturen, die das ermöglichen. Gelingendes Leben ist nicht nur Privatsache, sondern es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.
Gerade deshalb ist ihr Ansatz so relevant: Er verbindet Philosophie mit praktischer Politik und bringt Genderfragen, Armut, Behinderung und kulturelle Vielfalt direkt ins moralische Zentrum. Tugend heißt bei Nussbaum: Verantwortung übernehmen. Für sich und für andere.
Kritik an Nussbaums Theorie – Zuviel des Guten?
So überzeugend Nussbaums Ansatz auch ist, auch hier gibt es Kritik. Und die ist nicht ohne. Vor allem zwei Argumente tauchen immer wieder auf.
Bevormundung?
Ihre Liste an Grundfähigkeiten ist lang und ziemlich anspruchsvoll. Gut gemeint, klar. Aber manche fragen sich: Schreibt sie damit nicht zu stark vor, wie ein „gutes Leben“ aussehen soll? Kritiker werfen ihr Paternalismus vor (also eine Bevormundung, bei der man Menschen vorschreibt, was gut für sie ist, auch gegen ihren Willen). Und ist ihre Liste nicht sehr westlich geprägt? Wie universal sind Werte wie Selbstbestimmung oder Ausdruck von Gefühlen wirklich?
Objektiv schlechte Leben?
Noch schwieriger wird es bei der Frage: Was, wenn jemand gewisse Fähigkeiten nie erreichen kann, etwa durch Krankheit, Armut oder Behinderung?
Nussbaum sagt dann ganz offen: Ja, in diesen Punkten ist das Leben „objektiv schlecht“. Gerade deshalb verdienen diese Menschen Unterstützung. Aber: Ist das nicht problematisch? Wenn man sagt, ein Leben sei „objektiv schlechter“, dann bewertet man es von außen. Einige fragen sich: Wer darf das eigentlich beurteilen?
Trotz dieser Einwände bleibt Nussbaums Theorie eine der stärksten Brücken zwischen Ethik und sozialer Gerechtigkeit. Aber sie zeigt auch: Wer Tugend universal denkt, muss besonders sensibel sein für Unterschiede, für Kulturen, für Lebensrealitäten.
Und wie geht’s jetzt weiter?
Wir haben jetzt viel über Tugenden gehört. Über Mut, Maß und Gerechtigkeit. Aber die entscheidende Frage bleibt: Woher weiß ich eigentlich, was in einer konkreten Situation das Richtige ist? Was, wenn mein Bauchgefühl schweigt? Oder mir zwei gute Gründe entgegenschreien?
Genau darum geht’s im nächsten Artikel. Da steigen wir tiefer ein in das Herzstück aller Ethik: die praktische Vernunft. Was ist das überhaupt? Wie treffen wir gute moralische Entscheidungen? Und warum sind dabei oft Gefühle, Intuition und Erfahrung wichtiger als reine Logik?
Und bis dahin: pass auf dich auf 🙂
Titelbild von Rosy / Bad Homburg / Germany auf Pixabay






