Kritik am Utilitarismus: Wenn das Glück der vielen zu teuer wird

Wenn der Nutzen ins Wanken gerät

„Die Mehrheit hat entschieden“ klingt erstmal gut. Demokratisch. Fair. Nach gesundem Menschenverstand. Die Mehrheit profitiert und nur einer verliert alles. Ist das Gut? Hier beginnt das Unbehagen am Utilitarismus.

Denn wenn nur die Summe zählt, also das Glück aller, dann kann es passieren, dass das Leid eines Einzelnen einfach „eingepreist“ wird. Fünf Prozent weniger Leid für tausend Menschen wiegen dann mehr als das ganze Leben eines Einzelnen. Rational gesehen stimmt das. Aber fühlt es sich auch richtig an?

Kritik am klassischen Utilitarismus

Wer soll das alles berechnen? – Das Problem der Praktikabilität

Klar, die Idee ist schön: Berechne das Gesamtglück und wähle die beste Option. Aber im Alltag? Fast unmöglich.

Wie willst du in Echtzeit herausfinden:
👉 Wer betroffen ist?
👉 Wie stark das Glück oder Leid ist?
👉 Wie lange es anhält?
👉 Ob es indirekte Folgen gibt?

Beispiel: Du entscheidest über den Bau einer neue Straße durch einen Wald. Du musst nicht nur die Tierarten und CO₂-Bilanzen prüfen, sondern auch das Glück der Autofahrer, die Zeitersparnis, das Lebensgefühl der Anwohner, den Verlust von Natur jetzt und in Zukunft. Der Utilitarismus will, dass du alles abwägst. Aber: Wer soll das schaffen? Und was, wenn du dich einfach verrechnest?

Kann man Leid und Glück wirklich verrechnen? – Das Problem der Verrechenbarkeit

Ein klassisches Beispiel: Ein Mensch leidet extrem. Viele viele andere haben dafür ein klein wenig mehr Freude. Ist das fair? Der Utilitarismus sagt: Wenn das Plus größer ist als das Minus, ist es okay.

Aber viele sagen: So einfach ist es nicht, denn:
👉 Kann man das Leid einer einzelnen Person wirklich aufwiegen?
👉 Hat extremes Leid nicht eine eigene Qualität, die sich nicht verrechnen lässt?
👉 Ist es moralisch, Glück zu kaufen – auf Kosten anderer?

Diese Fragen zeigen: Der utilitaristische „Glücks-Saldo“ mag rational klingen, aber moralisch wirkt er oft kalt. Er sieht halt nur Zahlen, aber keine Gesichter. Und genau deshalb wird der klassische Utilitarismus so oft kritisiert. Nicht, weil er keine guten Absichten hätte, sondern weil seine Logik manchmal am Menschlichen vorbeigeht.

Im nächsten Abschnitt schauen wir, wie John Stuart Mill versucht hat, diesen Problemen zu entkommen. Er wollte dem Utilitarismus eine menschlichere Tiefe geben und genau das machen wir jetzt.

Wenn Glück nicht alles ist – andere Formen des Konsequentialismus

Der klassische Utilitarismus sagt: Zähle Lust und Schmerz das ist alles, was zählt. Aber viele Philosophen sagen: Moment mal. Menschliches Leben ist komplexer. Es geht nicht nur um Glück. Es geht um Natur, Würde, Gerechtigkeit, Vielfalt, Zukunft. Deshalb haben sich im Laufe der Zeit andere Formen des Konsequentialismus entwickelt. Formen, die mehr als nur ein Ziel kennen und auch die Idee hinterfragen, dass man immer das Beste tun muss.

Pluralistische Axiologien – mehr Werte, mehr Mensch

„Axiologie“ das ist einfach das schlaue Wort für: Was ist eigentlich wertvoll? Und pluralistisch heißt: Nicht nur ein Wert zählt, sondern mehrere.

Ein Beispiel: Du schützt einen Regenwald. Warum sollte das gut sein?
👉 Weil Tiere darin leben (Artenvielfalt)
👉 Weil Menschen saubere Luft atmen (Gesundheit)
👉 Weil Natur an sich wertvoll ist (Natürlichkeit)
👉 Weil kommende Generationen davon profitieren (Zukunft)

→ All das sind unterschiedliche Werte. Der Konsequentialismus kann also auch sagen: Nicht nur Glück zählt, sondern auch das, was das Leben lebenswert macht.

Ein prominenter Ansatz hier: der sogenannte Lebenswert- oder Mannigfaltigkeits-Utilitarismus. Er fragt: Was macht das Leben in seiner Tiefe, Vielfalt und Würde aus? Und nicht: Wie viel Spaß bringt es?

Muss es wirklich immer das Beste sein? – Satisficing

Ein weiteres Problem des klassischen Utilitarismus Modells: Es verlangt, dass du immer das Optimum findest.

Aber im Alltag?
👉 Du willst nachhaltiger leben – aber du findest keine perfekte Lösung.
👉 Du spendest für eine Umweltorganisation – aber nicht an die effektivste.
👉 Du entscheidest dich für vegane Ernährung – aber isst einmal im Monat bei Oma Käse.

Ist das unmoralisch? Der klassische Utilitarismus könnte sagen: Nicht perfekt? Dann falsch. Aber viele moderne Konsequentialisten sagen: Nein. Es reicht, wenn du „gut genug“ handelst. Das nennt man Satisficing abgeleitet von „satisfy“ (genügen) + „suffice“ (ausreichen).

Die Idee: Du musst nicht immer die beste Option wählen. Es genügt, wenn du eine Option wählst, die moralisch ausreichend gut ist.

Warum ist das wichtig?
👉 Weil es realistischer ist.
👉 Weil es motiviert, überhaupt zu handeln.
👉 Weil es Überforderung vermeidet, gerade im Umweltbereich, wo das „Perfekte“ oft der Feind des Guten ist.

Zwischen Ideal und Wirklichkeit – warum Faustregeln helfen

Doch auch mit Satisficing und vielen unterschiedlichen Werten im Gepäck bleibt eine Frage offen: Wie handeln wir, wenn es schnell gehen muss? Wenn wir nicht alles durchrechnen können? Im Alltag fehlt oft die Zeit für tiefe Moralmathematik. Und genau hier bringen Sekundärprinzipien Orientierung.

Das sind Faustregeln, die sich in der Praxis bewährt haben, wie etwa:
👉 „Tu niemandem weh.“
👉 „Halte dein Versprechen.“
👉 „Hilf, wenn jemand leidet.“

John Stuart Mill nennt sie moralische Wegweiser, keine Dogmen (also: festgelegte Glaubenssätze, die man nicht hinterfragt). Sie ersetzen nicht das Nachdenken, aber sie geben uns eine moralische Richtung. Sie machen es möglich, moralisch zu handeln, ohne jedes Mal Tabellen und Taschenrechner zu führen.

Was, wenn sich Regeln widersprechen?

Auch dafür hat der Konsequentialismus eine Antwort. Stichwort: Pflichtenkollision.

Ein typisches Beispiel:
👉 Du hast deinem Team zugesagt, beim Clean-Up-Walk zu helfen.
👉 Auf dem Weg dorthin siehst du, wie jemand kollabiert.

Zwei Verpflichtungen, du kannst nur eine erfüllen. Ein klassischer Regel-Ethiker wäre blockiert. Er hätte ein Error im Kopf. Ein Konsequentialist hingegen fragt: Was bringt am Ende mehr Gutes?

Vielleicht bedeutet das: Erste Hilfe geht vor. Denn das größere Wohl wiegt hier schwerer als die eingehaltene Zusage.

So zeigt sich: Konsequentialismus ist anpassungsfähig. Er ist nicht starr, sondern lebendig, weil er sich an dem orientiert, was zählt. Nicht am Prinzip, sondern am Menschen. Und gerade im Umweltbereich, wo wir oft zwischen guten und besseren Lösungen abwägen müssen, ist das eine große Stärke.

Wie geht’s weiter? – Wenn die Grenzen sichtbar werden

Wir haben gesehen: Der Konsequentialismus ist anpassungsfähig. Er rechnet nicht nur, er fühlt auch mit. Er entwickelt sich weiter, von der reinen Lust-Rechnung hin zu einem Ethik-Modell, das Vielfalt, Verantwortung und Realität ernst nimmt.

Aber eine Frage bleibt offen: Wo sind seine Grenzen? Was passiert, wenn alle Werte gegeneinander ausgespielt werden? Wenn das Glück der Zukunft gegen das Leid der Gegenwart steht? Wenn Regeln brechen erlaubt ist, aber niemand mehr weiß wann?

Im nächsten Artikel schauen wir uns an, wie Philosophen wie Peter Singer, Henry Sidgwick und Derek Parfit den Konsequentialismus auf die Probe stellen und weiterdenken. Es geht um Zukunft, Verantwortung, Gerechtigkeit und um die große Frage: Muss man wirklich immer das größte Glück für die größte Zahl suchen oder gibt es Dinge, die man nicht rechnen darf?

Wenn du wissen willst, wie man Glück und Würde zusammenbringen kann, dann bist du im nächsten Artikel genau richtig. Bis dahin: Schreib mir gern in die Kommentare, was du von diesen Gedanken hältst.

Und wie immer: Pass auf dich auf 🙂

Titelbild von Mohamed Hassan auf Pixabay

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Justin Kowalski

Hi, ich bin Justin. Ich studiere Politikwissenschaft in Hannover und schreibe hier über Themen, die mich bewegen, von Philosophie über Gesellschaft bis zur Nachhaltigkeit. Ich freue mich, wenn ihr meine Artikel lest und mit philosophiert :) Neue Artikel erscheinen immer Dienstags um 10 Uhr ;)

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