KI und Umweltschutz – Teil 4: Und plötzlich sprach das Lamm

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Tractatus Logico-Philosophicus

Wer mich aus meiner Reihe zum Thema Philosophie und Naturschutz kennt, weiß: Wir wollen uns die großen Fragen stellen und uns wieder bisschen zerdenken.

Heute geht es um eine Frage, die nach Rick und Morty – Zukunft klingt: Was passiert, wenn KI uns hilft mit Tieren zu reden?

Was passiert wenn uns KI hilft Tiere so weit zu verstehen, dass wir anfangen müssen, anders über sie nachzudenken?

Ich lade euch also heute ein, mitzuphilosophieren. Wir werden uns im Nachfolgenden angucken wie weit die Forschung bei dem Thema ist, ob wir mit jedem Tier kommunizieren können und was das Reden mit Tieren zur konsequenz hätte. Mir ist auch wichtig dabei zu erwähnen, dass ich mich an bereits bestehenden Theorien und Phänomenen bediene, sodass ich möglichst wenig spekuliere und wir zusammen auf plausible Argumente schauen 😊

Der 6 7 unter Delfinen Der Fall: Delfine, KI und die aktuelle Forschung

Schauen wir zuerst auf das, was aktuell auf unserer Erde wirklich passiert. Seit Jahrzehnten arbeitet das Wild Dolphin Project auf den Bahamas an wilden Atlantischen Fleckendelfinen. Die Forschenden sammeln dabei seit vielen Jahren Tonaufnahmen, Verhaltensdaten und Informationen über die sozialen Beziehungen der Delfine.

Es werden Daten gesammelt wie:

Wer schwimmt mit wem?

In welchem Moment kommt welcher Laut?

Was passiert vorher, was danach?

Und am Ende hat man einen riesigen Datensatz an Lauten und Verhaltensmustern der Delfine. Das spannende dabei ist: Wenn wir wissen was ein Delfin macht, um ein Gefühl oder ein Bedürfnis zu kommunizieren, dann wissen wir auch im Umkehrschluss was wir machen müssen, um unsere Bedürfnisse den Delfinen mitzuteilen .

2024 erschien dazu eine besonders spannende Studie. Darin reagierten wilde Delfine auf computergenerierte Laute, also künstlich erzeugte Töne, die ihnen vorgespielt wurden. Bemerkenswerterweise reagierten nicht nur die Tiere auf die Laute, sondern fanden diese so interessant, dass die Delfine die Töne sogar zum späteren Zeitpunkt noch imitierten. Man munkelt, dass es sich hierbei um einen Running Gag untereinander handelte. Somit können Delfine ihre stimmliche Flexibilität unter Beweis stellen und bewiesenermaßen neue Lautformen aufgreifen.

WICHTIG: Imitation ist noch keine Übersetzung.

Die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben ausdrücklich, dass die Delfine zwar flexibel und imitativ reagierten, aber kein funktionales Verständnis dieser künstlichen „Labels“ gezeigt haben. Anders gesagt: Sie haben die künstlich erzeugten Töne lediglich nachgemacht. Wir können daraus aber noch nicht schließen, dass sie die Töne schon wie „Wörter“ benutzt oder verstanden haben.

Doch die Forschung bleibt nicht stehen und jetzt gehen wir einen Schritt weiter: DolphinGemma.

DolphinGemma ist ein 2025 vorgestelltes KI-Modell von Google, welches gemeinsam mit Georgia Tech und dem Wild Dolphin Project entstanden ist. Es wurde mit jahrzehntelang gesammelten Delfinlauten trainiert. Die KI soll erst einmal eine extrem grundsätzliche Aufgabe erfüllen, was sie aktuell extrem gut bewältigt: Struktur finden. Also sucht die KI wiederkehrende Muster, typische Folgen von Lauten, mögliche Regelmäßigkeiten in der akustischen Welt der Delfine. Denn bevor man von Bedeutung in der Sprache der Delfine sprechen kann, muss man überhaupt verstehen, ob es in diesen Lauten stabile/wiederkehrende Formen gibt.

Darauf aufbauend folgt das dritte Projekt: das CHAT-System.

Das ist vielleicht der spannendste Teil der Forschung, weil hier vorsichtig herangetastet wird, ob so etwas wie zwei Richtungen in der Kommunikation mit der Tierwelt denkbar wird. Die Idee ist nicht, dass Menschen plötzlich fließend „Delfinisch“ sprechen. Sondern die Idee ist kleiner und gerade deshalb klüger: Forschende koppeln ein paar künstliche Pfeiftöne an bestimmte Gegenstände, mit denen Delfine gern spielen. Wenn Delfine diese Töne später selbst verwenden oder imitieren, könnte das ein Hinweis sein, dass sie diese Signale mit Objekten oder Situationen verbinden.

Genau deshalb muss man vier Dinge sauber auseinanderhalten.

  1. Lautimitation: Ein Tier kann einen Ton nachmachen.
  2. Mustererkennung: Eine KI findet Regelmäßigkeiten in der Kommunikation.
  3. Mögliche Bedeutung: Es könnte sein, dass bestimmte Töne mit bestimmten Kontexten zusammenhängen.
  4. Echte Kommunikation: Beide Seiten können stabil verstehen, worauf sich ein Signal bezieht und was damit gemeint ist.

Wir sind also noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem Menschen mit Delfinen „reden“ können . Aber wir sind nicht weit entfernt dank KI.

Wichtige Klärung: Nicht die hellste Kerze brennt am schnellsten.

An dieser Stelle möchte ich einen wichtigen Hinweis einbauen. Wenn wir über Tierkommunikation reden, ist der falsche Ansatz zu fragen Welche Tiere sind klug genug? oder Welche Tiere haben genug IQ? denn der IQ ist ein Messformat, welcher für Menschen gebaut wurde. In der Tierforschung ist dies oft zu ungenau, manchmal sogar irreführend. Viele Studien weisen darauf hin, dass sich tierische Kognition (Leistungsfähigkeit des Gehirns) nicht gut auf eine einzige allgemeine Intelligenz-Skala pressen lässt. Salopp gesagt, Tiere sind nicht so eindimensional wie wir Menschen. Sinnvoller ist es daher, nach konkreten Fähigkeiten zu fragen: Kann ein Tier Laute flexibel lernen? Nutzt es Gesten? Kann es Symbole mit etwas verbinden? Lebt es in komplexen sozialen Gruppen/Strukturen?

Genau deshalb schauen wir nicht bei dem Thema auf „die klügsten Tiere“, sondern wir legen unseren Fokus auf die Tiere bei denen bestimmte kommunikative Fähigkeiten auffallen. Delfine und andere Zahnwale sind hier besonders spannend, weil es gute Hinweise auf vokales Lernen gibt und sie Lautmuster verändern und von anderen übernehmen können. Große Menschenaffen sind ein anderer Fall: Bei ihnen ist vor allem die Gestenkommunikation stark, flexibel und sozial eingebettet. Papageien sind wiederum interessant, weil sie Laute erstaunlich flexibel lernen und einsetzen können.

Dies ist wichtig, weil es den Blick öffnet, mit welchen Tieren wir überhaupt kommunizieren können und „Intelligenz“ kein Einstellungsmerkmal alleine für erfolgreiche Kommunikation ist. Eine Art kann beim vokalen Lernen stark sein, eine andere bei Gesten, eine dritte bei sozialer Koordination. Wenn wir über Kommunikation zwischen Arten sprechen wollen, dann müssen wir fragen: Welche Fähigkeit ist da und was erlaubt sie uns tatsächlich?

Stellen wir uns vor…

Stellen wir uns das einmal ernsthaft vor mit Tieren reden zu können.

Sagen wir: Im Jahr 2040 können wir mit einigen Tieren umfänglich kommunizieren. Wir können uns mit manchen Tieren über Dinge wie Nähe, Gefahr, Schmerz, Orientierung und vor allem Bedürfnisse austauschen. Wahrscheinlich können wir nicht mit allen Tieren sprechen, dennoch gäbe uns der Dialog mit Delfinen, Orcas, Papageien oder Menschenaffen einen guten Eindruck über das Wohlbefinden der Tierwelt.

Und plötzlich haben wir ein neues Gegenüber in unserer Welt.

Ein Wesen, das antwortet.
Das vielleicht sagt:
Hier ist es zu laut.
Ich will hier nicht sein.
Ich suche mein Junges.
Dieses Becken ist zu klein.

Kein Wesen aus einer fremden Galaxy, sondern die Interaktion mit einem Erdbewohner, dem wir nie wirklich genug Gehör geschenkt haben.

Auch am Beispiel Koko welche die Zeichensprache beherschte sehen wir das Tiere sich uns mitteilen wollen so sagte sie nach dem Tod ihrer Katze in Gebärdensprache “Sad. Friend. No sleep.”

Was hieße das für Zoos, wenn Tiere uns sagen könnten, dass sie dort leiden?
Was hieße das für Meerparks, wenn Orcas oder Delfine ihre Lage ausdrücken könnten?
Und was hieße das für unseren Alltag, wenn wir zwar mit einigen Tieren reden könnten jedoch nicht mit jedem wie mit Schweinen, Hühnern oder Robben?

Dann würden manche Tiere plötzlich eine Stimme bekommen. Andere nicht.

Mir ist wichtig an dieser Stelle zu sagen: Ich habe darauf keine klare Antwort.

Und darum geht es mir auch nicht. Ich will eher zu einem Gedanken einladen: neuer Fortschritt im Bereich KI wird mehr als zuvor moralische Fragen aufwerfen und das will ich aufzeigen mit diesem Artikel. KI wird uns sehr wahrscheinlich ermöglichen sich mit anderen Lebewesen auszutauschen… Und selbst unvollständige Kommunikation könnte reichen, um unsere moralische Ordnung komplett zu verschieben.

Schluss

Vielleicht ist die größte Veränderung nicht, dass wir irgendwann mit Tieren sprechen.

Vielleicht ist die größere Veränderung,
dass wir nicht mehr so tun können, als hätten sie nichts zu sagen.

KI könnte Tiere nicht „vermenschlichen“.
Aber sie könnte sie sichtbarer machen.
Weniger ignorierbar.

Denn in dem Moment verschiebt sich etwas Grundlegendes:
Nicht die Tiere verändern sich.
Unsere Grenze verschiebt sich.

Was wir sehen.
Was wir fühlen.
Und was wir bereit sind zu rechtfertigen.

Wenn KI das schafft, dann ist sie nicht nur ein Werkzeug, sondern hilft uns Menschlichkeit zu erlernen.

Dann ist sie ein moralischer Katalysator <3

Diesen Artikel schreibe ich unteranderem in Inspiration an Farm der Tiere von Georg Orwell

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Justin Kowalski

Hi, ich bin Justin. Ich studiere Politikwissenschaft in Hannover und schreibe hier über Themen, die mich bewegen, von Philosophie über Gesellschaft bis zur Nachhaltigkeit. Ich freue mich, wenn ihr meine Artikel lest und mit philosophiert :) Neue Artikel erscheinen immer Dienstags um 10 Uhr ;)

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