Das Wood-Wide-Web der Bäume

Lange galt die Vorstellung, dass Bäume miteinander kommunizieren können, als reine Romantik. Doch aktuelle wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass Bäume tatsächlich in einem engen Austausch miteinander stehen! Grundlage dafür ist ein weit verzweigtes unterirdisches Netzwerk, das als Wood Wide Web bezeichnet wird. Es verbindet Bäume und Pflanzen eines Waldes miteinander und spielt eine zentrale Rolle für Stabilität, Anpassungsfähigkeit und Überleben von Waldökosystemen. Da das ein sehr breit gefächertes und komplexes Thema ist, soll diese Story als kleiner Überblick und Einführung in das Thema geben, viel Spaß!

Die Grundlage des Wood Wide Web

Das Wood Wide Web basiert auf den sogenannten Mykorrhiza, einer symbiotischen Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Pflanzenwurzeln. Die Pilzfäden, auch Hyphen genannt, umschließen oder durchziehen die feinen Wurzelspitzen der Bäume und bilden ein dichtes Geflecht im Boden. Besonders verbreitet ist in Wäldern die Ektomykorrhiza, bei der die Pilze die Wurzeln ummanteln, ohne in die Pflanzenzellen einzudringen.

Diese Symbiose ist für beide Partner von Vorteil. Die Pilze versorgen die Bäume mit Wasser und lebenswichtigen Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff, die im Boden oft nur schwer verfügbar sind. Im Gegenzug erhalten sie Zucker und andere organische Stoffe aus der Photosynthese der Bäume. Da ein einzelner Pilz mehrere Pflanzen gleichzeitig verbinden kann, entstehen großräumige Netzwerke, die zahlreiche Bäume eines Waldes miteinander verknüpfen. Unter einem einzigen Quadratmeter Waldboden können sich tausende Kilometer solcher Pilzfäden befinden!

© Unsplash / serjan midili

Austausch von Ressourcen und Signalen

Über das Wood Wide Web können nicht nur Nährstoffe transportiert werden, sondern auch Informationen. Forschungen zeigen, dass Bäume in der Lage sind, chemische Signale weiterzugeben, etwa Hinweise auf Trockenstress oder Schädlingsbefall. Zusätzlich senden Bäume oberhalb der Erde Duftstoffe wie Terpene aus, die andere Pflanzen warnen oder deren Abwehrmechanismen aktivieren können.

Einige Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass über die unterirdischen Netzwerke auch Ressourcen innerhalb des Waldes ausgeglichen werden. So können große, etablierte Bäume junge Keimlinge in ihrem Schatten unterstützen oder besonders leistungsfähige Pflanzen schwächeren Nachbarn indirekt helfen. In diesem Sinne wirkt das Wood Wide Web stabilisierend und trägt dazu bei, dass Wälder als Gemeinschaft funktionieren und nicht als einzelne, konkurrierende Individuen.

Wahrnehmung und „Intelligenz“ der Wurzeln

Besonders faszinierend sind Erkenntnisse zur Rolle der Wurzelspitzen. Diese reagieren äußerst empfindlich auf ihre Umwelt und können Faktoren wie Feuchtigkeit, Schwerkraft, Sauerstoffgehalt und Nährstoffe wahrnehmen. Über chemische und elektrische Signale werden diese Informationen innerhalb der Pflanze und möglicherweise auch über die Pilznetzwerke weitergegeben.

Manche Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von einer Art „Schwarmintelligenz“ der Wurzeln. Die Vielzahl einzelner Wurzelspitzen eines Baumes arbeitet dabei nicht zentral gesteuert, sondern koordiniert zusammen. Dadurch können Bäume flexibel auf Umweltveränderungen reagieren, ihr Wachstum anpassen und effizient mit ihren Pilzpartnern interagieren.

Aufpassen vor Vermenschlichung

Trotz dieser beeindruckenden Fähigkeiten warnen viele Expert:innen vor einer übermäßigen Vermenschlichung der Bäume. Begriffe wie „Fürsorge“, „Hilfe“ oder gar „Gefühle“ seien aus wissenschaftlicher Sicht problematisch. Studien, unter anderem mithilfe von Isotopenmarkierungen, zeigen dass Kohlenstoff zwar in die Pilznetzwerke gelangt, aber nicht zwangsläufig von einem Baum direkt an einen anderen weitergegeben wird. Oft verbleibt dieser Kohlenstoff im Pilz selbst, der dabei eigene Vorteile verfolgt.

Auch groß angelegte Analysen wissenschaftlicher Studien kommen zu dem Schluss, dass viele populäre Darstellungen des Wood Wide Web dessen ökologische Bedeutung überzeichnen. Zwar existieren Mykorrhiza-Netzwerke zweifellos, doch ihre genaue Funktion, Reichweite und ihr Einfluss auf das Wachstum einzelner Bäume sind noch nicht vollständig geklärt.

Bedeutung für Mensch und Umwelt

Unabhängig von diesen offenen Fragen steht fest, dass das Wood Wide Web ein zentraler Bestandteil gesunder Wälder ist. Es erhöht die Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltstress, fördert Biodiversität und unterstützt komplexe Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Pilzen. Für den Menschen hat dieses Wissen eine besondere Bedeutung, da es zeigt, wie sensibel Waldökosysteme auf Eingriffe reagieren und wie wichtig der Erhalt natürlicher Bodenstrukturen ist.

Auch wenn Bäume nicht fühlen oder sprechen wie Menschen, sind sie hochkomplexe Lebewesen, die ihre Umwelt wahrnehmen und auf sie reagieren können.

Quellen

Leana Bremer im Porträt

Leana Bremer

Artikel: 36