Berichte

Youth Dialogue zum "Green Deal" der EU-Kommission

  • Vergangene Woche hatte ich die Möglichkeit, am „Youth Dialogue“ des Institute for European Environmental Policy (IEEP) in der EU Kommission in Brüssel teilzunehmen.

    Darüber zu berichten und möglichst genau darzustellen, wie die anderen Teilnehmenden und ich die beiden Tage erlebt haben, wird ein bisschen ausführlicher ausfallen, mir ist es aber sehr wichtig, ein möglichst umfassendes Bild zu liefern, um dieses am Ende sehr ambivalente Erlebnis richtig darzustellen – daher schon zu Beginn danke für eure Geduld, wenn ihr es bis zum Ende schafft!

    Nun zum Thema: Das IEEP bezeichnet sich selbst als „sustainable think tank“, dessen Team aus Ökonomen, Wissenschaftlern und Juristen mit Interessengruppen verschiedener EU Institutionen sowie Industrie, Zivil- und akademischer Gesellschaft etc. zusammenarbeitet, um evidenzbasierte Forschung und politische Erkenntnisse zu generieren.*

    Den Youth Dialogue hat das IEEP zum Thema "European Green Deal"** abgehalten. Diesen hat die EU Kommission im Dezember vergangenen Jahres herausgebracht und legt damit die Wachstumsstrategie fest, die nicht nur wirtschaftlich vorteilhaft sein, sondern Europa bis 2050 auch zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll. Der Green Deal umfasst dabei die unterschiedlichsten Sektoren, von Verkehr und Transport über den Agrarsektor und Biodiversität bis hin zur Energiegewinnung und vielen weiteren und gleichzeitig das Bekenntnis dazu, dass niemand "zurückgelassen" werden, also jeder EU Staat auf diesem Weg mitgenommen werden soll, um einen fairen Übergang zu erreichen.***

    Auf dem Weg nach Brüssel wusste ich noch gar nicht, was mich erwarten würde und so war ich positiv überrascht, als ich in dem Kommissionsgebäude ankam, in dem die Veranstaltung stattfand und dort auf 30 Teilnehmende aus 24 EU Mitgliedstaaten traf! Die Atmosphäre war sehr locker und angenehm und die meisten haben sich auf Anhieb ziemlich gut verstanden. Durch die Teilnehmenden war eine große Bandbreite an NGOs, wissenschaftlichen Institutionen und Gruppierungen von Aktivisten vertreten sowie ebenso viele verschiedene Studiengänge und Fachkompetenzen, was die Gruppe sehr divers und interessant machte.

    Der Workshop selber war auf zwei Tage aufgeteilt: am ersten sollten wir in Gruppen zusammenarbeiten und am zweiten unsere Ergebnisse zwei Mitgliedern der EU Kommission sowie zwei Abgeordneten aus dem europäischen Parlament präsentieren.

    Da wir durch An- und Abreise jeweils nur einen halben Tag Zeit hatten, starteten wir nach einer kurzen Vorstellungsrunde dann auch gleich in die Arbeitsphase.

    Unser Arbeitsauftrag war denkbar weit gefasst, wir sollten nämlich Lebensbereiche identifizieren, in denen die Gesellschaft nachhaltiger gestaltet werden könnte und Vorschläge diesbezüglich formulieren, die in den Green Deal implementiert werden könnten.

    Für den ersten Teil wählten die Mitglieder des IEEP, die den Workshop leiteten, das Format des „Wordcafes“, das heißt, dass wir mit jeweils fünf bis sechs Personen zusammensaßen, Themen brainstormen und nach 20 Minuten die Gruppen neu mischten. Am Ende kamen so einige Themen zusammen, zum Beispiel Transport&Travel, Artificial Intelligence, Democratic Consensus Building, Biodiversity&Ecosystems, Corporate Responsibility, Postgrowth Strategies oder auch Inidigenous Rights.

     

    Nachdem wir die Themengebiete so identifiziert hatten, starteten wir in die zweite Workshopphase, in der wir zu einigen der Themen, die wir vorher per Abstimmung ausgesucht hatten, in dieses Mal festen Gruppen Strategien für einen höheren Nachhaltigkeitsstandard zu erarbeiten versuchten.

    An diesem Punkt des ersten Tages hakte es zum ersten Mal. Wir hatten nur 45 Minuten Zeit für diesen Arbeitsschritt, aber sehr komplexe Themen, zu denen unter uns zwar jeweils kompetente und erfahrene Ansprechpartner zu finden waren, die die jeweilige Gruppe leiten konnten, jedoch dauerte allein die Einarbeitung dadurch so lange, dass wir am Ende nur höchst oberflächliche Ergebnisse vorweisen konnte, die kaum über das, was ohnehin im Green Deal implementiert ist, hinausgingen. Leider gingen wir alle daher mit einem eher unzufriedenen Gefühl in den Abend, für den das IEEP Team einen kleinen Empfang inklusive Rede der Executive Director des IEEP, Céline Charveriat, organisiert hatte. Die angespannte Stimmung löste sich dann auch im Laufe des Abends, währenddessen wir viele interessante Gespräche unter den Teilnehmenden führten, uns besser kennenlernten und uns untereinander vernetzten.

    Trotzdem verlief der zweite Tag des Workshops für uns erwartungsgemäß eher enttäuschend.

    Die EU Officials, die kamen, um sich unsere Arbeitsergebnisse anzuhören, hatten kaum eine Stunde Zeit für uns, sodass nur ausgewählte Themen in dreiminütigen Präsentationen vorgestellt werden konnten. Die sich daran anschließende „Diskussionsrunde“ war dementsprechend thematisch beschränkt und es entstand der Eindruck, dass man uns erstens kaum zugehört hatte und unserer Arbeit kaum wertschätzte und das zweitens eher politische Positionen und allgemeine Aussagen dominierten, von denen kaum eine die aus der Runde gestellten, durchaus auch konkreten Fragen beantwortete (etwa von einer Teilnehmerin aus Kroatien die Frage, warum die EU neue Gasabbauvorhaben in ihrer Region zulässt).

    Für uns besonders relevant waren die Themen Reise und Mobilität, demokratische Prozesse und fairer Übergang für alle Mitgliedstaaten sowie auch das Infragestellen von Wachstum an sich – immerhin ist auch der Green Deal eine ausgewiesene Wachstumsstrategie.

    Doch in Anbetracht der begrenzten Zeit blieb das Gespräch dazu sehr allgemein, wir hörten viel davon, dass das meiste ohnehin schon Teil des Green Deals oder anderweitig in Arbeit sei und dass vieles auch immer ein Balanceakt darstelle zwischen verschiedenen Interessengruppen, sodass die von uns geforderte höhere Geschwindigkeit in den betreffenden Bereichen schwer umzusetzen sei. Die sehr praktischen Vorschläge, die wir am Vortag trotz der begrenzten Zeit erarbeitet hatten (zum Beispiel ein einheitliches Buchungssystem für Züge und Busse in der ganzen EU, mehr Druck auf die Mitgliedstaaten bei der Ratifizierung der Konvention, die die Rechte indigener Volksgruppen stärken soll (ILO Convention 169) oder verschiedene Steuern und sinnvollere Subventionsvergaben) gingen in der allgemeinen Unterhaltung eher unter.

    Betont wurde, dass wir jetzt an einem Wendepunkt seinen, an dem zwar alle Fakten auf dem Tisch lägen, das Handeln aber hinterherhinke, genauso wie das Bewusstsein der Bevölkerung, weshalb wir als junge Generation weiter Druck machen sollten auf die relevanten Politiker, um diese weiterhin zum Handeln zu motivieren.

    Mit dieser Botschaft standen wir dann am Ende des Workshops da und die vorherrschenden Gefühle waren Frustration und Irritation – wir waren immerhin nicht gekommen, um uns zu weiterem Engagement auffordern zu lassen, damit die Verantwortlichen sich unter Druck gesetzt fühlen, sondern um thematisch mitzugestalten und selber Verantwortung zu übernehmen.

    Das IEEP Team gab sich allerdings große Mühe, uns an diesem Punkt abzuholen und den eher negativen Ausgang des Workshops aufzufangen. Uns war allen bewusst, wie viel Mühe das Team sich mit der Organisation und den verschiedenen Arbeitsformaten gegeben hatte und auch wie kostspielig es gewesen war, uns alle nach Brüssel zu holen, um uns nach unserer Meinung zu fragen. Dennoch hatten wir alle den Eindruck, dass sich die Reise rein im Hinblick auf die Arbeitsergebnisse nicht gelohnt hatte und dass viel Aufwand betrieben worden war, damit am Ende im Sande verlaufen würde, was wir uns überlegt hatten, weil der zeitliche und generelle Rahmen wirklich weiterführende Arbeit, die wir uns alle gewünscht hatten, nicht zugelassen hat.

    Eine Teilnehmerin äußerte in der anschließenden sehr langen Feedbackrunde, für die wir sogar in einen anderen Raum umziehen mussten, weil wir zeitlich so weit überzogen hatten, dass sie sich ein Stück weit herabgesetzt fühle. Man habe uns eher wie Kinder behandelt, nicht wie junge Erwachsene, die in ihren jeweiligen Gebieten durchaus eine gewisse Expertise vorweisen können. Natürlich wollten wir alle unsere Möglichkeiten und Kenntnisse im Verhältnis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kommission nicht überbewerten, aber die Erwartung, dass wenn man uns unter der Überschrift des Beitragens zum European Green Deal einlädt, man das Beitragen auch ermöglichen und die Ergebnisse ernst nehmen würde, hatten wir zu Beginn schon alle.

    Dieser Einschätzung stimmten viele von uns zu, was das IEEP Team sehr ernst nahm.

    Am Ende des Feebacks stand die Erkenntnis, dass der Umfang der Fragestellung zu unspezifisch, die Zeit zu knapp und das Verhalten der EU Officals nicht völlig angemessen gewesen war. Positiv konnten wir mitnehmen, dass das IEEP Team sich vorgenommen hat, die Jugendbeteiligung auf EU-Ebene mit dieser Erfahrung weiterzuentwickeln und effizienter zu gestalten, verbunden mit der Hoffnung, dass die relevanten Entscheidungsträger in Zukunft ernster nehmen, was ihnen in solchen Rahmen zugetragen wird und dass sie unser Engagement und unsere Kompetenzen anerkennen.

     

    Trotz alledem ziehe ich aus meiner Reise nach Brüssel aber keine negative Bilanz.

    Zum einen freue ich mich sehr darüber, dass das IEEP so offen mit uns umgegangen ist und Konsequenzen aus dem durch den Workshop Gelernten ziehen möchte.

    Zum anderen haben einige von uns am Ende beschlossen, dass wir versuchen wollen, die Gruppe zusammenzuhalten, uns weiter zu vernetzen und eventuell zusammenzuarbeiten, wo es sich ergibt. Der erste Schritt in diese Richtung wird eine Knowledge Sammlung sein und zwar in der Form, dass wir unsere Kompetenzen in einem Cloud Dokument teilen werden, um so gemeinsame Themen und mögliche Arbeitsgebiete zu finden.

    Somit bin ich sehr gespannt darauf, was sich in Zukunft in der Gruppe und auch gemeinsam mit dem IEEP ergeben wird und ich bin froh, dass ich diese Erfahrung in Brüssel machen durfte!

     

     

    *https://ieep.eu/about-us.

    **https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/european-green-deal-communication_en.pdf.

    ***Für einen kurzen Überblick: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/fs_19_6714.

Kommentare

2 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Vielen Dank für den ausführlichen und wirklich interessanten Bericht! Richtig toll, dass Du nach Brüssel gefahren bist, auch wenn die Veranstaltung leider nicht wie erhofft verlief. Ich kann Euren Frust gut nachvollziehen, nachdem Ihr nur so kurze...  mehr
  • SophiaSp
    SophiaSp Vielen Dank für den ausführlichen Bericht, deine Erfahrungen und die damit einhergehende Reflektion des Erlebten. Auch wenn dem berechtigten Wunsch nach angemessenem Umgang mit dem von euch eingebrachten Input und nach echten Beteiligungsmöglichkeiten...  mehr
    10. Feb. - 2 gefällt das