Berichte

Das gefährliche Leben der Elster - Beobachtungen vom Balkon aus

  • Besser als jede Netflix-Serie ist für mich das Naturschauspiel, das ich gerade zuhause erlebe. Seit einer Woche verfolge ich mit meiner Kamera einen erbitterten Kampf zwischen zwei Elstern und zwei Nebelkrähen. Wahnsinn, was ich da schon alles zu sehen bekam! Dabei habe ich jede Menge über diese faszinierenden Vögel gelernt, und das möchte ich gerne mit euch teilen.

    Dreh- und Angelpunkt meiner privaten Live-Natur-Doku ist die riesige Kastanie in unserem Innenhof. Wir wohnen unter dem Dach und haben einen perfekten Blick direkt in die Baumkrone. Jedes Jahr beobachte ich hier spannende Tiergeschichten - und allzu oft hat die Elster ihre Finger... Entschuldigung, ihre Federn im Spiel. Letztes Jahr zum Beispiel war ich genau in dem Moment auf dem Balkon, als eine Elster ein Amsel-Ei klaute und direkt vor den Augen der entsetzten Amseln vertilgte. Wütend jagte die komplette Amselfamilie als Schwarm den Nestplünderer aus dem Innenhof.

    Elstern gelten als die Singvogelkiller - doch damit tut man ihnen Unrecht. Küken und Eier anderer Vögel machen nur 15 bis 20 Prozent ihrer Nahrung aus. Amseln, Buchfinken, Kohlmeisen und andere Kleinvögel können in der Nachbarschaft von Elstern trotzdem höchste Siedlungsdichten erreichen. Alle einschlägigen Untersuchungen belegen, dass die Verluste an Singvogelnestern durch Elstern und andere Rabenvögel nicht dazu führen, dass der Bestand dieser Vogelarten zurückgeht.

    Aber natürlich war es schwer mit anzusehen, wie die Amseln fünf Stockwerke unter mir in Sekunden ein eigenes Kind verlieren. Doch auch die Elster hat ein hartes Leben und muss sich durchkämpfen. Sie steht ihrerseits auf dem Speiseplan größerer Vögel. Vor zwei Wochen landete plötzlich ein Habicht-Weibchen im Baumwipfel. Auch das kam schon öfters vor, und einmal fanden wir auch die Reste einer erlegten Taube im Innenhof.

    Es war sofort gespenstig ruhig. Amseln, Meisen und auch die großen Nebelkrähen waren sofort wie vom Erdboden verschluckt. Nur ein Vogel war mutig genug, den ungebetenen Gast eindringlich zum Gehen aufzufordern: die deutlich kleinere Elster!

    Denn diese Kastanie ist das Revier eines Elsterpaares, was die beiden charismatisch schwarz-weiß gefärbten Vögel deutlich anzeigen, indem sie seit Wochen aufgeplustert auf den obersten Zweigen des Baumes sitzen und Radau machen. Getreu dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" kam das Männchen immer und immer wieder auf den Greifvogel zugeflogen, überschüttete ihn mit Gezeter und vollführte tollkühne Wendungen, um trotz der Attacken immer wieder im ausreichenden Abstand zum gefährlichen Habicht zu sein.

    Nach ein paar Minuten hatte der Habicht tatsächlich genug und flog entnervt weiter. Die Elster setzte sich daraufhin auf den allerhöchsten Zweig und triumphierte lautstark. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich war schwer beeindruckt vom Mut dieser Vögel. Doch trotz dieser beachtlichen Leistung stellte sich schon bald neuer Ärger ein. Der Grund: Ein altes Nest, das offenbar für zwei Nebelkrähen der perfekte Ort für einen Neustart darstellte.

    Die Brutzeit der Nebelkrähen beginnt Ende März und erstreckt sich bis Mai. Dann besetzen Paare, die übrigens zeitlebens eine feste Beziehung eingehen, ein Revier. Dieses verteidigen sie dann auch mit allen Mitteln gegen Artgenossen und andere Störenfriede. Auch die Elstern leben in lebenslanger Monogamie. Hat ein Elsternpaar erst einmal ein Revier gewählt und hier erfolgreich gebrütet, so bleibt es diesem Zeit seines Lebens treu. Was die Situation entscheidend verschäft: Nebelkrähen räumen gerne Elsternester aus und plündern deren Eier. Sie gehören zu den gefährlichsten Feinden der Elstern. Der Konflikt war somit unvermeidebar.

    Neben der Nebelkrähe (Corvus corone cornix) gibt es auch die komplett schwarze Rabenkrähe (Corvus corone corone) - sie bilden beide jeweils eine Unterart der Aaskrähe (Corvus corone). Die charismatische graue Färbung von Brust, Bauch und Rücken macht die Nebelkrähe aber unverwechselbar. Beide Krähen sowie die Elstern gehören zu den Rabenvögeln, und die Rabenvögel wiederum - für viele ist das wegen des Krächzens erstaunlich - zu der Unterordnung der Singvögel. Doch die engen Familienbande spielen keine Rolle: Dass sich Elstern und Aaskrähen bekämpfen, kommt häufig vor, und ich wurde Zeuge von einigen spektakulären Kämpfen, wie ich sie bisher nur aus Natur-Dokus kannte...

    Das Nebelkrähenpaar beginnt also, weitere Zweige zu sammeln und in das verwaiste Nest einzuflechten. Vor allem vormittags arbeiten sie am Aufbau ihrer neuen Brutstelle. Das Elsterpaar beobachtet sie dabei zunächst argwöhnisch. Die beiden meckern immer wieder, doch das scheint die Nebelkrähen nicht groß zu stören. Das Verhalten der Elstern wirkt auf mich zunächst zurückhaltend. Anders als beim beherzten Angriff gegen den Habicht - so als würden sie zunächst eine Taktik austüfteln.

    Währenddessen flechten die Krähen nicht nur Zweige in ihr Nest ein. Auf diesem Bild könnt ihr erkennen, dass auch Kabelbinder dabei sind. Ein Freund schickt mir später ein Foto von einer Nebelkrähe, die die Holzlatte einer Feuerwerksrakete aus einer Regenrinne zieht. Nebelkrähen bedienen sich auch mal im Abfall und fixieren die Nestteile mit Kot und Schlamm am Ast. Es ist faszinierend, mit welcher akribischen Ordnung sie dabei vorgehen. Da wird so lange an den Zweigchen gezogen und geschoben, bis es richtig passt. Die Nestmulde polstern Krähen schließlich mit Federn, Tierhaaren und Gräsern aus.

    Die Elstern sind damit überhaupt nicht einverstanden. Sobald beide Krähen weg sind, um neues Material zu holen, dauert es nur wenige Minuten, und eine Elster hüpft in das fremde Nest. Wollen die Elstern das Nest vielleicht für sich beanspruchen? Das könnte passen, denn auch Elstern bauen Nester sehr weit oben in hohen Baumkronen. Doch ihr Plan ist offenbar ein anderer. Schnell rupft die Elster Zweige aus dem Nest und fliegt damit weg. Sobald das Krähenpaar zurück ist, hat sich der Dieb schon versteckt.

    Also Sabotage? Will die Elster die Krähen verscheuchen, indem sie den Nestbau erschwert? Es muss zermürbend sein, wenn du ein Nest baust, immer wieder neue Zweige anschleppst, aber das Nest wird nie fertig. Aber dann könnte die Elster die Zweige ja einfach fallen lassen, frage ich mich. Tatsächlich aber fliegt sie mit den Stöckchen einige Stockwerke tiefer und verschwindet im dichten Bambus, der am hinteren Ende des Innenhofs wächst.

    Ich lese sofort nach. Tatsächlich: Als Nistplätze bevorzugen Elstern entweder sehr hohe oder relativ tiefe Standorte. Manche bauen ihre Nester schwer zugänglich in den oberen Zweigen von hohen Laubbäumen, um selbst einen guten Überblick zu haben. Andere hingegen errichten ihr Zuhause in dichtem Gebüsch oder in dornigen Hecken, in einer Höhe von 3 bis 4 m. Elstern scheinen sich da flexibel anpassen zu können und in unserem Fall mit dem Bambus zufrieden zu sein.

    Schon ganz früh am morgen geht es los. Gegen die Sonne fotografiert erkennst du die Elster auf diesem Bild eher als Schattenriss, aber es ist gut zu erkennen, wie sie wieder einen Zweig aus dem Krähenbau herauszieht. Dann klattert sie geschickt an den Rand und fliegt mit dem Holz, das oft ähnlich lang ist wie ihr eigener Körper, im Schnabel zu ihrem Versteck. Auch ihr Nest braucht grobe Zweige, und da kann sie das Diebesgut direkt für das Eigenheim verwenden.

    Die Krähen haben das Spiel natürlich schnell durchschaut. Schon bald fliegen nicht mehr beide weg. Sie postieren sich clever auf den umliegenden Regenrinnen und Schornsteinen, um Wache zu halten, während der jeweils andere neue Zweige holt. Wie geht es jetzt weiter? Die Elster ist offenbar fest entschlossen, die bedrohlichen Neuankömmlinge weiter zu vergraulen.

    Schon bald traut sich die Elster auch in Anwesenheit der Krähen in die Krone. Es kommt zu atemberaubenden Flugangriffen, die so zügig ablaufen, dass ich mit der Kamera nicht schnell genug bin. Stattdessen schaue ich einfach staunend zu. Tatsächlich sehe ich einmal, wie eine Elster das Krähenmännchen anlockt und sich im letzten Moment davonstiehlt, während die andere Elster unter der Krähe hinduchsaust und wichtige Sekunden gewonnen hat, um wieder ans Nest zu kommen.

    Einen Tag später noch dramatischer! Ich höre Krähen und Elstern aufkreischen, stürme sofort zum Balkon. Und da sehe ich einen offenen Luftkampf, beide Elstern gegen beide Krähen! Die Vögel kommen direkt aufeinander zugeflogen, und nur mit einem spektakulären Sturzmanöver konnten die Elstern den Krallen ihrer Gegner ausweichen. Während die Elstern einige Meter tiefer energisch ihre Flügel wie einen Rettungsschirm ausbreiten und im Dickicht verschwinden, gelingt es den Krähen mit einem gekonnten Manöver, den Aufprall gegen die Wand gerade noch zu vermeiden.

    Ich versuche, keine Partei zu ergreifen. Beide Vögel sind in der Öffentlichkeit nicht sehr beliebt. Ich hingegen spüre eine tiefe Verbundenheit zu beiden Paaren und bin voller Bewunderung. Ich sehe wie anstrengend es für die Vögel ist, immer wieder große Zweige anzuschleppen, durch das dichte Geäst zum Nest zu klettern, Futter zu suchen, sich nebenbei zu bekämpfen und dabei permanent das eigene Leben zu riskieren.

    In der germanischen Mythologie galt die Elster als Götterbote und Lieblingsvogel der Todesgöttin Hel. Im Europa des Mittelalters erklärten viele Menschen die Elstern zu Hexen- und Unglücksvögeln. In Asien und bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen ist das ganz anders - hier galt die Elster schon immer als Glücksbringer. Auch die Raben und Krähen spielen in unseren Märchen und Sagen, Mythen und Legenden eine wichtige Rolle als Freunde der Götter und weise Helfer. Als dann im Lauf der Christianisierung die Vorgängerkulturen verdrängt werden sollten, wurden sie als dämonische Wesen verschriehen. Weil sie sich von Aas ernähren, galten sie als Verbündete des Teufels. Zum Glück wissen wir es heute besser: Mit der Beseitigung toter Tiere erfüllen Rabenvögel eine wichtige ökologische Funktion.

    Am nächsten Tag dann das nächste Schauspiel: Die Elster sitzt auf dem gegenüberliegenden Schornstein. Zweige aus dem Krähennest hatte sie auf dem Dach abgelegt. Gebannt beobachte ich, wie die Krähe sich am unteren Ende des Schornsteins anschleicht. Hat die Elster die Krähe diesmal nicht gesehen? Die Krähe kommt näher und näher...

    Dann hüpfte die Krähe hoch, so als wolle sie der Elster einen Schreck einjagen, und wieder entkommt die Elster gerade noch rechtzeitig mit einem Sturzflug, wie ihr hier sehen könnt:

    Anschließend sammelt die Krähe die gestohlenen Zweige wieder ein. Zunächst beginnt sie, die Stöckchen zu sortieren, um dann der Elster nochmal nachzujagen. Die zweite Krähe steuert wiederum das Dach an, nimmt die bereitgelegten Stöckchen an sich und fliegt damit zurück in die Kastanie. Immer wieder beobachte ich bei beiden Paaren Teamwork.

    Am Montag war es sehr ruhig - so, als würden beide Paare eine Auszeit brauchen, um ihre Kräfte zu regenerieren. Doch seit heute stehen die Zeichen wieder auf Attacke. Sobald das Krähenmännchen unterwegs ist, kommt das Elstermännchen zum Nest und flattert mit spitzen Rufen vor dem Krähenweibchen auf und ab.

    Jetzt zeigt die Elster die gleichen gekonnten Angriffe wie gegen den Habicht. Auf diesem Bild seht ihr deutlich, wie sich bei der genervten Krähe schon die Nackenfedern aufstellen, während die Elster zum nächsten Ansturm ansetzt!

    Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Das letzte Wort ist wohl noch nicht gekrächzt. Die Elster sitzt schon wieder über dem Krähennest und überlegt sich wohl, was sie als nächstes anstellt. Wenn sie es nicht schafft, die Nebelkrähen zu vertreiben, werden sich die Elstern an einer anderen Stelle ein neues Nest aufbauen müssen. Dann jedoch hätten sie viele wertvolle Energiereserven und mehrere Wochen Zeit verloren. Es geht um nicht weniger als das eigene Überleben.


    Fotos © Marcel Gluschak

Kommentare

6 Kommentare
  • Jojahanna
    Jojahanna Danke für den Bericht! Es ist doch immer wieder spannend, wie Vögel sich verhalten. In meinem Freiwilligendienst habe ich einmal bestimmt eine Viertelstunde lang beobachtet, wie ein Kormoran mit einem Aal rang. Und besonders wenn es um ihren Nachwuchs...  mehr
    25. März - 1 gefällt das
  • Marcel
    Marcel Dankeschön, das freut mich. Ja, diese Fotos hab ich mit einem 100-400 mm Teleobjektiv gemacht. Ist nicht leicht, weil die Vögel v.a. morgens aktiv sind (Gegenlicht) und die Kastanie unglaublich viele Äste hat, sodass fast immer Wesentliches verdeckt...  mehr
    25. März
  • LiaLioky
    LiaLioky Hallo Marcel, wow - das sind echt tolle Fotos! Seit letztem Jahr fotografiere ich auch immer mehr, allerdings sind ja gerade lichtstarke Teleobjektive dann doch wieder ziemlich teuer und vor allem nicht leicht zu bedienen, deshalb bewundere ich deinen...  mehr
    27. März
  • Jayfeather
    Jayfeather Danke für diese Geschichte!
    28. März