Wer isst nicht gerne ein schönes Sandwich, eine Scheibe leckeres frisches Brot oder ein Croissant? Aber wie lange gibt es Brot eigentlich schon? Wer hat sich das ausgedacht? Wer kam auf die Idee Weizen zu ernten, zu mahlen und aus dem gewonnenen Mehl Brot oder Brötchen zu backen? Und wann?
Genau diesen Fragen widme ich mich in diesem Artikel über die frühesten Anfänge der Landwirtschaft. Um den Prozess genau nachvollziehen zu können, muss man zurückgehen an den Anfang, als die Menschen begannen, Pflanzen zu domestizieren. Das heißt sie gezielt zu ernten, anzubauen und zu zähmen. Dabei wird es auch darum gehen, dass nicht nur der Mensch das Getreide, sondern in gewisser Weise auch das Getreide den Menschen domestiziert hat, da die Kultivierung von Pflanzen das Leben der Menschen tiefgreifend veränderte.
Aber jetzt erstmal zurück zum Anfang. Die Geschichte des Brots beginnt vor langer Zeit, also vor ca. 13.000 – 9.000 Jahren an vielen Orten im sogenannten fruchtbaren Halbmond. Das ist eine Region im alten Westasien, welche sich im Antiken Mesopotamien und der Levante befand. Also im heutigen Syrien, Libanon, Israel, Palästina und Irak. Jedoch wissen ForscherInnen heute, dass es nicht unbedingt eine „Wiege der Landwirtschaft“ gab, wie es früher noch oft hieß. Auch in verschiedenen Orten im Zagros und Taurus Gebirge entwickelte sich die Landwirtschaft unabhängig voneinander. Die Zeitepoche nennt man in der Archäologie Epipaläolithikum, genauer gesagt innerhalb des Epipaläolithikums das „Natufian“. Das Natufian bildet einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung des Menschen. Hier begannen unsere Vorfahren sich von Jägern und Sammlern zu Bauern zu entwickeln. Über die nächste Epoche, das Neolithikum (die Steinzeit) verbreitete sich die Landwirtschaft immer weiter und damit wurde eine ganze Reihe an Prozessen losgetreten. Aber wie ist das ganze abgelaufen?
ArchäologInnen und ArchäobotanikerInnen versuchen schon lange herauszufinden, wann und unter welchen Umständen aus wildem Getreide die ersten gezüchteten Kulturpflanzen wurden. Man erkennt die Anfänge der Landwirtschaft beispielsweise an der Veränderung des Weizens anhand von verschiedenen Domestikationsmerkmalen. Auch gibt es an alten Sicheln teilweise den sogenannten Sichelglanz, anhand welchem ArchäologInnen erkennen können, wann Getreide geerntet wurde. Dies erkläre ich später nochmal genauer. Weiterhin zeigt die veränderte Lebens- und Sozialstruktur der frühen Menschen sowie Veränderungen in der Natur, welchen Einfluss es gehabt haben muss, dass Getreide angebaut wurde.

Veränderungen des Getreides
Einkorn und Emmer gehören zu den frühen Wildgetreidesorten, die die Menschen im Natufian begannen zu domestizieren. Wildgetreide eignete sich allerdings nur mittelmäßig zur großen Ernte, da zum Beispiel die Ähren sehr zerbrechlich waren und je reifer das Getreide wurde, desto mehr öffneten sich die Ähren und die Samen wurden herausgeweht. Dass die Menschen dieses Phänomen zu verstehen begannen, zeigt sich beispielsweise am Vorhandensein von Sichelglanz an Erntesicheln, die in epipaläolithischen Siedlungen wie Ohalo II gefunden wurden. Diese dünne Schicht auf den Sicheln entsteht durch das Ernten von halbreifem Getreide. In diesem Reifungszustand waren die Ähren noch nicht geöffnet und man konnte die Samen besser beieinander behalten.
Durch das Auswählen von Pflanzen, welche zum Beispiel möglichst reif waren und dabei möglichst lange die Ähren geschlossen hielten, begann sich das Getreide zu verändern. Die Menschen „züchteten“ sich somit die Merkmale heran, von denen sie am meisten profitierten. Dazu gehörten: größere Samen, gleichmäßige und schnelle Reifung, dünne Samenschalen und nicht zerbrechende Ähren, wodurch die Samen nicht streuten nach der Reifung, sondern an der Pflanze blieben.
Die frühesten Kulturpflanzen, die wir im alten Westasien nachweisen können, waren neben Emmer und Einkorn auch Gerste, Linsen, Erbsen und Flachs. Sie bildeten die Grundlage früher Landwirtschaftssysteme. Diese kultivierten Pflanzen sind ca. ab 9500 v. Chr. nachzuweisen.

© Jochen Kumlehm
Veränderungen der Umwelt und Natur durch die Einführung der Landwirtschaft
Um genug Platz zu haben für den Anbau von Getreide begannen die Menschen mit der Rodung der einheimischen Vegetation. Künstliche Felder entstanden, wo einst wilde Natur war. Dies führte natürlich zu einer enormen Veränderung der Biodiversität. So entstanden in den Ackerlandschaften beispielsweise neue Ökosysteme, neue Pflanzenarten wuchsen, während andere lokal gänzlich verschwanden. Durch die an die Domestikation von Pflanzen angrenzende Domestikation früher Haus- und Nutztiere wie Rinder, Schafe und Ziegen veränderte sich auch die Tierpopulation und das Jagdverhalten der Menschen.
Die Pflanzenwelt veränderte sich somit langfristig und nachhaltig. Während es zuvor eine große Diversität von Wildpflanzen gegeben hatte, konzentrierte sich die Landwirtschaft zunehmend auf nur einige wenige Nutzpflanzen wie Erbsen, Gerste und Weizen. Diese wurden gezielt gezüchtet, angebaut und immer wieder neu ausgesät. Dadurch veränderten und prägten sie die Landschaft immer stärker und verdrängten auch viele der zuvor dort gewachsenen Pflanzen.
Zudem mussten die landwirtschaftlichen Felder gepflegt werden, etwa durch das Auflockern der Böden und das Jäten von Unkraut. Zum Auflockern der Böden wurden beispielsweise im späteren Neolithikum Rinder gezähmt, domestiziert und vor Pflüge gespannt. So begann der Mensch immer stärker die Natur aktiv zu gestalten, zu kontrollieren und an seine Vorstellungen und Bedürfnisse anzupassen.
Mit diesen Veränderungen in Landwirtschaft, Natur und Umwelt, wandelte sich auch die gesamte Lebensweise der Menschen.
Gegenseitige Domestikation von Mensch und Getreide?
In der Literatur zur frühen Landwirtschaft wird immer wieder betont, dass zwischen Getreide und Mensch eine gegenseitige Anpassung vorhanden war. Beide profitierten voneinander. Laut Yuval Harari (Autor der kurzen Geschichte der Menschheit) domestizierte sogar nicht der Mensch den Weizen, sondern der Weizen den Menschen [1]. Denn die Pflanzen wurden vom Menschen „geschützt“ und hatten einen viel größeren Verbreitungsgrad und der Mensch profitierte von einer stabilen Nahrungsquelle und einer höheren Kalorienproduktion. Beide Spezies entwickelten sich somit gemeinsam weiter. Dieser Prozess der Verbreitung der Landwirtschaft wird auch die „Neolithische Revolution“ genannt. Dieser Begriff wurde hauptsächlich vom prähistorischen Archäologen Gorden Childe (1892 – 1957) geprägt.
Das Getreide veränderte sich in den oben genannten Domestikationsmerkmalen, doch inwiefern veränderte sich das Leben der Menschen?
Im Natufian begannen die Menschen sesshaft zu werden. In den archäologischen Funden häufen sich dauerhafte Siedlungen, Häuser mit ersten Steinfundamenten und erste Lagerplätze für Nahrung. Indirekt führte diese Lagerung von Getreide sogar zur Domestikation von Hauskatzen – als MäusejägerInnen.
Die Sesshaftwerdung brachte eine Veränderung der Sozialstruktur mit sich. Durch den Privatbesitz von landwirtschaftlich genutzten Feldern und Tieren entwickelte sich eine Art Machtverhältnis. Menschen begannen die Arbeit zu teilen. Mit der Zeit entwickelte sich eine Art Arbeitsteilung, in der einige Menschen sich um den Anbau von Rohstoffen, andere um deren Verarbeitung und wieder andere um administrative Prozesse kümmerten. Stärkere Familienstrukturen entstanden durch Vererbung von Ressourcen und die Bevölkerungszahl stieg enorm.
Langfristig entstanden durch die langsam entstehenden Städte und die Urbanisierung, von welcher jedoch erst sehr viel später tatsächlich gesprochen wird, nämlich ca. um 4000 v. Chr., begannen Prozesse von Migration für Arbeitskräfte, in den eng besiedelten Orten konnten sich Krankheiten besser verbreiten, aber an sich stieg auch die Lebensqualität durch das ständige Vorhandensein von Nahrung und anderen Ressourcen sowie Handel und Sicherheit.
Fazit
Somit waren nun also alle Voraussetzungen erfüllt für eines der ältesten Lebensmittel in der Geschichte der Menschheit: Brot. Archäologisch Nachgewiesenes Brot gibt es in Shubayqa in Jordanien schon mit Wildgetreide ca. 12.000 v. Chr., während man Brot kontinuierlich und von kultivierten Pflanzen auf jeden Fall ab dem Präkeramischen Neolithikum (also um 9000 – 7000 v.Chr.) nachweisen kann.

Die Autorin
Dieser Artikel wurde von Elianor geschrieben. Sie ist ehrenamtlich im WWF Jugend Redaktions- und Aktionsteam aktiv. Bei Fragen kannst du sie gerne anschreiben!
Quellen
- Bar-Yosef, O. (1998). The Natufian Culture in the Levant: Threshold to the Origins of Agriculture. Evolutionary Anthropology 6, 159–177.
- Fuller, D. Q., Willcox, G., & Allaby, R. G. (2011). Cultivation and domestication had multiple origins: Arguments against the core area hypothesis for the origins of agriculture in the Near East. World Archaeology, 43(4), 628–652. https://doi.org/10.1080/00438243.2011.624747
- Gopher, A., Abadi, I., Caracuta, V., et al. (2022). From hunter-gatherers to farmers in the Near East: The origins of agriculture. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). https://doi.org/10.1073/pnas.1801071115
- Gronenborn, D., & Horejs, B. (2023). Expansion of farming in western Eurasia, 9600–4000 cal BC (Version 2023.1). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.10047818
- Richter, T., Arranz-Otaegui, A., Yeomans, L., & Boaretto, E. (2018). Early evidence of bread making at a 14,400-year-old Natufian site in northeastern Jordan. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). https://doi.org/10.1073/pnas.1801071115
- Riehl, S. (2013). Emergence of agriculture in the foothills of the Zagros Mountains of Iran. Science, 341(6141), 65–67. https://doi.org/10.1126/science.1236743






