Weniger Regeln, mehr Charakter – Die Rückkehr der Tugend

Charakter statt Kalkül – Warum Tugend wieder zählt

In den letzten Artikeln haben wir gerechnet, verglichen, Regeln befolgt oder gebrochen. Wir haben gefragt: Was bringt den größten Nutzen? Was darf ich tun? Was muss ich lassen? Aber was, wenn wir ganz falsch gefragt haben?

Die Tugendethik dreht den Spieß um. Sie fragt nicht: Was soll ich tun? sondern: Wer will ich sein? Nicht Regeln, nicht Folgen. Sondern Haltung. Charakter. Persönlichkeit. Klingt erstmal altgriechisch? Ist es auch. Aber es ist überraschend modern. Denn je komplexer die Welt wird, desto schwerer wird es, für jede Situation eine passende Regel oder eine perfekte Rechnung zu finden. Was dann bleibt, ist oft: unser moralisches Gespür. Unser Charakter. Unsere Tugend.

Und genau deshalb erlebt die Tugendethik heute ein Comeback. Philosophen, Pädagogen, sogar Klimaaktivisten fragen wieder nach ihr: Was macht einen guten Menschen aus? Was heißt es, verantwortlich, gerecht oder mutig zu sein und das auch wenn keiner zusieht?

In diesem Artikel gehen wir genau da rein: Was ist Tugendethik? Warum hat sie Kant und den Utilitarismus überlebt? Und warum könnte sie die Ethik sein, die wir gerade jetzt brauchen?

Aristoteles: Glück, Vernunft und das gelingende Leben

Wenn heute von Tugendethik die Rede ist, dann führt kein Weg an ihm vorbei: Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.), Philosoph, Naturforscher, Lehrer Alexanders des Großen und vielleicht der erste, der die Frage gestellt hat: Was heißt es eigentlich, gut zu leben?

Für Aristoteles ist die Antwort klar: Ein gutes Leben ist ein gelingendes Leben und das bedeutet: im Einklang mit unserer Vernunft leben, unsere Fähigkeiten entfalten und zur besten Version unserer selbst werden. Das Ziel ist dabei nicht bloß Glück im Sinne von Spaß oder Lust. Sondern das, was er Eudaimonia nennt, also ein tiefes, stabiles Glück, das aus Sinn, Selbstverwirklichung und Charakter entsteht.

Wie kommt man dahin?
Mit einer berühmten Überlegung, dem sogenannten Ergon-argument: Jede Sache hat eine Funktion, ein Ergon. Das Ergon eines Messers ist das Schneiden. Das eines Auges: das Sehen. Und was ist das Ergon des Menschen? Aristoteles sagt: die Vernunft. Sie ist das, was uns als Menschen ausmacht. Also gelingt unser Leben dann, wenn wir die Vernunft gut nutzen.

Was wir uns jetzt natürlich fragen ist: Wie nutzt man seine Vernunft richtig?
Aristoteles sagt: durch Tugend.

Aber damit meint er keine starren Regeln. Sondern etwas, das du dir aneignest, einübst, entwickelst, vergleichbar wie beim Sport oder Musizieren. Tugend ist für ihn eine Art Charakterstärke: Sie hilft dir, mit Gefühlen, Entscheidungen und Konflikten klug umzugehen.

Und wie sieht das konkret aus?
Tugend heißt: die Mitte finden, zwischen zwei Extremen. Mut ist zum Beispiel nicht, blind ins Feuer zu rennen (das wäre Leichtsinn). Aber auch nicht, wegzulaufen, wenn es brenzlig wird (das wäre Feigheit). Oder: Gerechtigkeit heißt nicht, immer hart zu urteilen. Aber auch nicht, alles durchgehen zu lassen. Tugend ist also das richtige Maß, nicht zu viel, nicht zu wenig. Und genau hier beginnt eine Ethik, die anders denkt: Sie fragt nicht nur, was du tun sollst. Sondern: Wer willst du sein?

Wie entsteht Tugend? Lernen, üben, wachsen

Tugend fällt nicht vom Himmel. Niemand wird mutig, gerecht oder maßvoll geboren. Wir lernen es und das Schritt für Schritt. Für Aristoteles beginnt das schon in der Kindheit: durch Erziehung, durch Vorbilder, durch Nachahmung. Tugend entsteht durch Gewohnheit. Wenn du immer wieder gerecht handelst, wirst du ein gerechter Mensch. Wenn du dich regelmäßig mutig verhältst, wirst du mutig. Es geht ums Üben wie bei einer Fähigkeit oder einem Sport.

Aber Achtung: Es reicht nicht, einfach nur „gute Dinge“ zu tun. Entscheidend ist, warum du sie tust und ob du verstehst, wann es wirklich gut ist. Dafür brauchst du phrónesis, die praktische Klugheit. Das ist keine Liste mit Regeln im Kopf, sondern eher ein innerer Kompass. Phrónesis hilft dir, in echten, manchmal schwierigen Situationen das Richtige zu tun und das mit Vernunft, mit Überblick und mit Erfahrung. Sie ist das, was gute Entscheidungen möglich macht. Nicht blind Regeln befolgen, sondern sehen, was die jeweilige Situation braucht.

So wächst Tugend: durch Wiederholung, durch Nachdenken, durch ein Gespür für das rechte Maß. Das Ziel: ein gutes Leben, das nicht perfekt ist, aber stimmig.

Tugend ist also kein Zustand, sondern ein Prozess. Du wächst hinein. Du lernst, besser zu sehen, was gut ist und besser zu spüren, wer du sein willst. Und genau deshalb sagt Aristoteles: Tugend ist nicht bloß ein Ziel, sondern eine Lebensform.

Tugendethik und Politik – Warum Glück im Staat beginnt

Aristoteles hat ein berühmtes Menschenbild: Der Mensch ist ein zoon politikon also ein „politisches Lebewesen“. Damit meint er nicht, dass wir alle Parteiprogramme auswendig kennen müssen (was ich als Politikwissenschaftler befürworten würde). Sondern etwas Grundsätzlicheres: Der Mensch lebt nicht für sich allein. Wir brauchen Gemeinschaft. Austausch. Miteinander. Und nur in einer gut geordneten Gemeinschaft können wir das tun, wozu wir da sind: ein gutes Leben führen.

Denn für Aristoteles ist klar: Glück (also Eudaimonia) ist kein Ego-Trip. Es entsteht nicht im stillen Kämmerlein. Sondern dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung tragen: in der Familie, im Freundeskreis, in der Stadt, aufm Dorf, im Staat. Deshalb gehören Ethik und Politik für ihn zusammen.

Was heißt das konkret?
· Eine gerechte Gesellschaft hilft ihren Bürger, tugendhaft zu leben.
· Sie schafft Bedingungen, unter denen das Gute möglich und das Schlechte schwer wird.
· Sie fördert Bildung, Gemeinschaft, Verantwortung.

Ein Beispiel: Wenn ein Staat kostenlosen Zugang zu Bildung ermöglicht, wenn er Menschen motiviert, sich zu engagieren, und für Umweltschutz klare Rahmenbedingungen setzt, dann macht er es leichter, mutig, gerecht und maßvoll zu handeln, also tugendhaft zu leben. Man könnte sagen: Die Politik erzieht mit.

Umgekehrt gilt: Wenn ein Staat z. B. Korruption zulässt, öffentliche Debatten unterdrückt oder mit kurzfristiger Klientelpolitik Vertrauen zerstört, dann entsteht das Gegenteil: Menschen ziehen sich zurück, kümmern sich nur um sich selbst oder verlieren das Gefühl für Verantwortung ganz. Tugend wird zur Nebensache. Die Gesellschaft verliert ihren moralischen Kompass.

Aristoteles sieht den Staat deshalb nicht als reines Ordnungsinstrument, sondern als Ort des guten Lebens. Demokratie bedeutet für ihn: Menschen beteiligen sich an Entscheidungen, weil sie gemeinsam für ihr Glück verantwortlich sind. Politik ist also nicht bloß Verwaltung, sondern eine moralische Aufgabe. Wer regiert, soll das nicht für Macht tun, sondern für das Gemeinwohl.

Reicht die Tugend Ethik aus? Erste offene Fragen

Die Tugendethik klingt erstmal charmant. Menschlich. Bodenständig. Keine endlosen Berechnungen wie im Utilitarismus. Keine kalten Prinzipien wie bei Kant. Sondern: Der Mensch im Mittelpunkt. Seine Haltung. Seine Entwicklung. Aber genau hier beginnt auch die Kritik.

Der Elite-Vorwurf

Aristoteles schreibt für die Oberschicht seiner Zeit. Für Männer mit Bildung, Freizeit und Macht. Wer schuften muss, wer unterdrückt wird, wer keine Stimme hat, der kommt in seiner Theorie kaum vor. Tugend braucht Raum, Bildung, Zeit zur Reflexion. Aber was ist mit denen, die all das nicht haben? Diejenigen die zwei Jobs haben um zu überleben. Ist Tugend also nur etwas für Eliten?

Das Regelproblem

Die Tugendethik kennt keine festen Gebote wie: „Du sollst nicht töten“ oder „Lüge nie“. Stattdessen: „Finde die Mitte.“

Das klingt schön, aber ist es im Ernstfall nicht zu vage? Was ist, wenn zwei Menschen die Mitte unterschiedlich sehen? Oder wenn man gar keine klare Intuition (Bauchgefühl) hat? Kritiker sagen: Ohne Regeln fehlt der Kompass. Tugend wird zur Gefühlssache. Und damit: beliebig.

Und was ist mit Gerechtigkeit im System?

Die Tugendethik schaut vor allem auf den Einzelnen: Wie du lebst. Wie du fühlst. Wie du dich entwickelst. Aber das reicht nicht immer. Denn viele Probleme unserer Zeit sind strukturell.

Ein Beispiel: Wenn in einem Land Menschen systematisch benachteiligt werden, wie etwa beim Zugang zu Bildung, zu sauberer Luft, zu politischer Mitsprache, dann hilft es wenig, wenn Einzelne tugendhaft sind. Auch der tugendhafteste Mensch kann Diskriminierung, Armut oder Umweltzerstörung nicht allein durch seine Haltung lösen.

Frage also: Reicht es, wenn gute Menschen gute Entscheidungen treffen oder brauchen wir zusätzlich klare Regeln, faire Gesetze, gerechte Institutionen?

Kritiker sagen: Die Tugendethik hat zu wenig im Blick, wie Macht verteilt ist. Sie redet über Charakter, aber kaum über Kapital. Sie spricht über Verantwortung, aber nicht genug über Gerechtigkeit im Großen.

All das zeigt: Die Tugendethik inspiriert, aber sie ist kein Selbstläufer. Sie braucht eine Übersetzung in die Gegenwart. Und genau das versuchen moderne Philosophen heute: eine Tugendethik, die inklusiver, gerechter und konkreter ist.

Wie das aussehen kann und warum Tugend gerade in Zeiten von Klimakrise, digitaler Hetze und wachsender Spaltung wieder so wichtig wird, schauen wir uns im nächsten Artikel an.

Bleib dran. Und passt auf euch auf 🙂

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Justin Kowalski

Hi, ich bin Justin. Ich studiere Politikwissenschaft in Hannover und schreibe hier über Themen, die mich bewegen, von Philosophie über Gesellschaft bis zur Nachhaltigkeit. Ich freue mich, wenn ihr meine Artikel lest und mit philosophiert :) Neue Artikel erscheinen immer Dienstags um 10 Uhr ;)

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