Wenn Nutzen über Leichen geht – die dunkle Seite des Konsequentialismus

Wenn Blut zum Volksfest wird – gilt dann noch Moral?

Zwei Menschen kämpfen bis zum Tod. Einer stirbt, der andere überlebt. Rundherum: 50.000 jubelnde Zuschauer im Kolosseum. Blut auf dem Boden, Begeisterung auf den Rängen. Und danach? Die Straßen Roms sind ruhig. Die Leute entspannt. Gewaltverbrechen nehmen ab.

Was, wenn man sagt: Der Tod eines Einzelnen hat das Wohl vieler vergrößert? Nach dem klassischen Utilitarismus wäre das moralisch vertretbar. Denn was zählt, ist der Gesamtnutzen. Nicht das Prinzip. Nicht die Würde. Nur das Ergebnis.

Aber irgendwas daran schreit in uns: Nein. Das kann nicht richtig sein.
Hier beginnt das Unbehagen. Und damit beginnt auch dieser Artikel.

Die großen Kritikpunkte – was Konsequentialismus nicht beantworten kann

Der Konsequentialismus will alles rechnen. Alles wiegen. Alles abwägen. Doch manche Dinge lassen sich einfach nicht aufrechnen. Und genau hier beginnt die schärfste Kritik.

Kritik: Menschenrechte und Würde sind nicht verhandelbar.

Wenn das Leben eines Menschen gegen das Glück von Tausend gerechnet wird, dann geraten grundlegende Werte unter die Räder. Was ist mit Menschenrechten? Mit Würde? Mit dem Recht auf Leben?

Wer sagt, dass das Glück der Vielen über allem steht, riskiert das der Einzelne nur noch Mittel zum Zweck wird. Das wäre Zynisch.

Kritik: Was ist mit dem kategorischen Nein?

Viele Menschen glauben: Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht.
Du tötest keinen Unschuldigen. Du folterst niemanden. Ganz egal, was es bringt.

Der Konsequentialismus tut sich schwer mit solchen absoluten Verboten. Er fragt: „Aber was, wenn es am Ende doch mehr Glück bringt?“

Es gibt allerdings Menschen die zurecht sagen: „Egal. Es gibt Grenzen. Ohne sie verlieren wir unsere Menschlichkeit.“

Und jetzt? Gibt es gar keine Antwort?

Doch. Viele moderne Konsequentialist:innen versuchen genau hier neue Wege zu gehen. Sie versuchen, Menschenrechte, Würde, Gerechtigkeit in ihre Nutzenrechnung einzubauen. Sie sagen: Auch diese Werte haben einen „Wert“ nur eben nicht messbar in Kilogramm Glück, sondern in tieferer moralischer Bedeutung.

Aber die Herausforderung bleibt: Wie willst du Würde berechnen?

Im nächsten Abschnitt schauen wir genau da hin: Kann der Konsequentialismus auf solche Einwände reagieren oder muss er sich verändern, um zu bestehen?

Regelutilitarismus – die Antwort auf harte Kritik

Der klassische Utilitarismus steht unter Druck: Menschenrechte, Würde, unantastbare Grenzen, all das scheint bei der reinen Nutzenrechnung unterzugehen.

Doch der Utilitarismus antwortet mit: Regelutilitarismus.

Der Regelutilitarismus sagt: Nicht jede einzelne Handlung muss den maximalen Nutzen bringen. Entscheidend ist, ob die Regel, nach der du handelst, insgesamt gute Folgen hat.

Beispiel: Lügen kann in einem Fall vielleicht etwas Gutes bewirken. Aber wenn alle lügen würden? Dann bricht Vertrauen zusammen. Also gilt: Lüge nicht, auch wenn es sich kurzfristig lohnt.

Unterschied zum Handlungsutilitarismus:
Beim Handlungsutilitarismus wird jede Handlung einzeln bewertet: zählt der konkrete Nutzen hier und jetzt?
Der Regelutilitarismus dagegen schaut auf die Regel: Führt sie insgesamt, langfristig, gesellschaftlich zu guten Folgen?

Und was hat Mill vom letzten Artikel damit zu tun?

John Stuart Mill war zwar kein reiner Regelutilitarist, aber viele lesen ihn heute so. Vor allem seine Idee der Sekundärprinzipien, also moralische Regeln wie „Tu niemandem weh“ oder „Halte dein Versprechen“ (Falls dir das gerade nichts sagt: Im letzten Artikel findest du genau dazu ein Kapitel – einfach nochmal reinschauen, wenn du magst).

Mill wusste: Wir brauchen Orientierung. Und wir brauchen Vertrauen.
Deshalb: Halte dich an gute Regeln, nicht weil sie absolut sind, sondern weil sie sich bewährt haben.

Was bringt das?
Der Regelutilitarismus kann vieles auffangen, was der klassische Ansatz übergeht.

👉 Er kann erklären, warum manche Handlungen nie erlaubt sind, selbst wenn sie einmal Nutzen bringen würden.
👉 Er nähert sich damit der Idee von Rechten und Pflichten, aber ohne den Konsequentialismus zu verlassen.

Er bleibt also pragmatisch, aber mit moralischem Rückgrat.

Präferenzutilitarismus – wenn Glück nicht alles ist

Aber selbst mit guten Regeln bleibt eine Frage offen: Zählt am Ende wirklich nur Lust? Nur das, was sich gut anfühlt?

Viele sagen: Nein. Moral darf nicht nur über Freude und Schmerz sprechen. Sie muss auch hören, was Menschen wirklich wollen. Und genau hier kommt eine moderne Weiterentwicklung ins Spiel: der Präferenzutilitarismus.

Sein bekanntester Vertreter: Peter Singer (1946*).
Er sagt: Entscheidend ist nicht, ob jemand gerade Freude empfindet, sondern ob seine echten Wünsche und Interessen geachtet werden. Was jemand wirklich will, was für ihn zählt, was ihm wichtig ist. Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn sie möglichst viele dieser Präferenzen erfüllt.

Das klingt erst mal technisch. Aber es hat enorme Konsequenzen.

Zum Beispiel im Bereich Tierrechte. Singer argumentiert: Tiere haben Interessen wie: nicht zu leiden. Diese Interessen müssen genauso berücksichtigt werden wie die Wünsche von Menschen. Nicht, weil Tiere wie wir „kulturelle Freude “ empfinden, sondern weil sie spüren, was ihnen schadet. Und wenn sie einen Wunsch nach Freiheit, Sicherheit, Ruhe haben, dann hat dieser Wunsch moralisches Gewicht.

Oder bei der Frage nach Selbstbestimmung:
Der klassische Utilitarismus würde sagen: „Mach, was den meisten Freude bringt.“
Der Präferenzutilitarismus fragt stattdessen: „Was wollen die Betroffenen wirklich?“

Das macht ihn sensibler für Autonomie (Selbstbestimmte) und individuelle Lebensentwürfe. Für viele ist das ein Gewinn, weg von einer Moral die dich „beglücken“ will, hin zu einer Ethik, die dich ernst nimmt.

Aber auch dieser Ansatz hat seine Stolpersteine:
👉 Was ist mit irrationalen Präferenzen? Wenn jemand sich selbst schaden will?
👉 Was, wenn die Wünsche eines Einzelnen gegen das Wohl vieler stehen?
👉 Und wie misst man überhaupt, welche Wünsche echt und überlegt sind?

Trotzdem: Der Präferenzutilitarismus zeigt, dass der Konsequentialismus dazulernt.
Dass er nicht stehen bleibt. Dass er versucht, unsere komplexe Welt besser zu verstehen und gerechter zu machen. Nicht mehr nur mit dem Maßband der Lust. Sondern mit dem Ohr an den Wünschen der Menschen (und Tiere), die es betrifft.

Das Zukunftsproblem – dürfen wir heute alles opfern?

Ein Punkt, der den Konsequentialismus besonders ins Wanken bringt, ist die Zukunft. Denn: Wenn am Ende nur der Gesamtnutzen zählt: wie weit darf ich dann vorausschauen? Und: Wie viele Menschen „zählen mit“, wenn sie noch gar nicht geboren wurden?

Henry Sidgwick (1838-1900) war einer der ersten, der das Problem formuliert hat. Er fragte: Wenn in der Zukunft noch Milliarden von Menschen leben werden, zählt ihr Glück genauso wie unseres? Und wenn ja: Haben wir dann nicht die Pflicht, alles zu tun, um ihre Welt zu retten, auch wenn es für uns unbequem ist?

Der Philosoph Derek Parfit (1942-2017) hat das weitergedacht. Er kam zu einem berühmten und verstörenden Ergebnis, der repugnant conclusion („abstoßende Schlussfolgerung“): „Wenn das einzige Ziel Maximierung von Gesamtnutzen ist, dann wäre eine riesige Welt mit sehr vielen Menschen, die alle nur knapp über dem Existenzminimum leben, besser als eine kleine Welt mit wenigen, aber glücklichen Menschen.“

Moment mal… Was sagt er da…?

Parfit meint das nicht als Empfehlung. Im Gegenteil: Er zeigt, dass die reine Rechenlogik des Konsequentialismus zu absurden Ergebnissen führen kann.

Eine Welt voller Menschen, die kaum Lebensqualität haben ist besser weil es schlicht weg so viele sind und damit ist der Gesamtnutzen hoch. Klingt falsch. Ist aber rechnerisch richtig. Und genau das ist das Problem.

Warum ist das so wichtig für unsere Zeit?

Weil diese Fragen plötzlich sehr real werden:
👉 Wie viele Ressourcen dürfen wir heute verbrauchen?
👉 Wie sehr dürfen wir auf Kosten der Zukunft leben?
👉 Wie balancieren wir das Glück der Jetzt-Lebenden gegen das Wohl zukünftiger Generationen?

Klimaschutz ist ein Paradebeispiel: Er bringt uns heute vielleicht Kosten, Einschränkungen, unbequeme Veränderungen, aber er rettet die Lebensgrundlage für Menschen, die erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten geboren werden.

Und jetzt?

Einige sagen: Der Konsequentialismus ist hier besonders stark, weil er die Zukunft mitdenkt und nicht nur die Gegenwart schützt. Andere sagen: Genau das ist sein Schwachpunkt, weil er uns zwingt, unendliche Rechenspiele zu machen, bei denen das Heute immer schlechter aussieht.

Aber egal wie man es dreht: Wer nach Nutzen fragt, muss auch über die Zukunft nachdenken. Und das macht den Konsequentialismus nicht einfacher, aber vielleicht notwendiger denn je.

Konvergenz mit Kant? – Versöhnungsversuche

So unterschiedlich Kant und Konsequentialismus auch klingen, es gibt Philosophen die sagen: Vielleicht müssen wir gar nicht entscheiden. Vielleicht geht beides zusammen.

Einer der ersten, der diese Idee ernsthaft ins Spiel brachte, war Henry Sidgwick. Für ihn war klar: „Eine vollständige Moraltheorie muss sowohl Prinzipien, als auch Folgen berücksichtigen.“

Das heißt: Regeln und Nutzen, beides hat seinen Platz.
Nur Regeln, ohne Blick auf die Folgen? Blind.
Nur Folgen, ohne Prinzipien? Beliebig.

Sidgwick wollte Brücken bauen: zwischen dem klaren Regelbewusstsein der Deontologie (also Kant) und dem flexiblen Nutzenblick des Konsequentialismus.

Noch einen Schritt weiter ging Derek Parfit mit einem gewagten Vorschlag: der sogenannten Triple Theory.

Sein Gedanke:
Wenn man die besten Versionen von drei großen Theorien zusammennimmt, also:

👉 Kants kategorischen Imperativ,
👉 den klassischen Utilitarismus,
👉 und den moralischen Intuitionismus (also: das, was sich für uns klar richtig anfühlt)
Dann kommen sie bei vielen Fällen zum gleichen Ergebnis.

    Das heißt nicht, dass sie identisch sind. Aber vielleicht führen sie in der Praxis oft zu denselben Handlungen. Und wenn das stimmt, dann ist vielleicht der Streit zwischen Kant und den Utilitaristen nicht so groß, wie er scheint.

    Parfits Hoffnung: „Wenn wir moralisch weiterkommen wollen, dann nicht im ewigen Gegeneinander, sondern im Zusammendenken.“

    Ein schöner Gedanke. Und vielleicht der Anfang eines neuen Ethikverständnisses: Eines, das nicht fragt „Kant oder Konsequenz?“, sondern: Was schützt den Menschen und seine Zukunft am besten?

    Und wie geht’s jetzt weiter?

    Bisher haben wir gerechnet und abgewogen. Jetzt kommt eine Ethik, die anders fragt.
    Nicht: Was bringt am meisten Nutzen?
    Sondern: Was für ein Mensch bin ich?

    Im nächsten Artikel starten wir mit der Tugendethik einer Philosophie, die nicht nur deine Entscheidungen im Blick hat, sondern deinen Charakter. Sie sagt: Moral entsteht nicht durch Regeln oder Kalküle. Sondern durch Haltung, durch Übung, durch das, was dich im Innersten ausmacht.

    Klingt altmodisch? Vielleicht.
    Aber auch überraschend aktuell.

    Bleib dran und wie immer: Pass auf dich auf 😘

    Titelbild von BanJo_89 auf Pixabay

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    Justin Kowalski

    Hi, ich bin Justin. Ich studiere Politikwissenschaft in Hannover und schreibe hier über Themen, die mich bewegen, von Philosophie über Gesellschaft bis zur Nachhaltigkeit. Ich freue mich, wenn ihr meine Artikel lest und mit philosophiert :) Neue Artikel erscheinen immer Dienstags um 10 Uhr ;)

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